Der Freizeitbrief, 62, 8. Jg., 27.10.1987

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Sport in der Freizeit: Mehr Lust als Leistung

    Sport in der Freizeit: Mehr Lust als Leistung

    Hintergründe und Faszination einer Massenbewegung

    Für die überwiegende Mehrheit der sporttreibenden Bevölkerung bedeutet Freizeitsport mehr Lust als Leistung, mehr Entspannung als Anstrengung, mehr Spiel als Kampf. Die Mischung aus Sport, Spiel, Spaß und Geselligkeit macht die besondere Faszination des Freizeitsports aus. Dies geht aus der neuen, großangelegten repräsentativen Studie des BAT Freizeit-Forschungsinstituts Hamburg, hervor, die jetzt als Band 8 der Schriftenreihe zur Freizeitforschung erschienen ist.

    Schwerpunkte der Forschungsarbeit, die auf einer qualitativen Vorstudie und einer quantitativen Hauptstudie mit 2000 Interviews basiert, sind die subjektive Einschätzung des Sports, das Verhalten der Sporttreibenden zwischen Wunsch und Wirklichkeit und vor allem die Motivation im Freizeitsport. Untersucht wurden ferner Zukunftsaspekte des Freizeitsports.

    Freizeitsport ist für viele zur Hauptsache geworden

    Ohne die expansive Entwicklung der Freizeit wäre auch die gewaltige Zunahme des Sports nicht denkbar. Sport, früher eine schöne Nebensache, ist für viele Bundesbürger zur Hauptsache geworden, der sie aktiv oder passiv einen großen Teil ihrer Freizeit widmen. 22 Millionen Menschen betätigen sich sportlich in der Bundesrepublik. Davon sind eine Million Leistungssportler, zehn Millionen Aktivsportier, elf Millionen Gelegenheitssportler. Jeder dritte Bundesbürger rechnet sich zu der Gruppe der Sportinteressierten. Sie besuchen gern Sportveranstaltungen und schalten die Sportschau ein. Lediglich elf Millionen sind absolute Nichtsportler, die weder selbst Sport treiben noch sich für Sport interessieren.

    Spaß muß beim Sport immer dabei sein

    Blickt man auf die Motivation zur sportlichen Betätigung, so zeigt sich, daß Sportler zunächst einmal mit Sport hohe Erwartungen verbinden. Sport hält jung, macht fit, bringt Spaß, ist gut für die Gesundheit, knüpt Freundschaften, hilft zur Selbstverwirklichung, befriedigt, entspannt und ist idealer Ausgleich zur Berufsarbeit.

    Wie die BAT-Untersuchung zeigt, werden viele dieser Erwartungen auch erfüllt, allerdings nicht bei jedem Sportler alle auf einmal und meist auch nicht im Hinblick auf die sozialen Kontakte, die Hoffnung auf Freundschaften.

    „Spaß haben“, steht ganz oben auf der Erwartungsskala: 75 % der Befragten stellen den Spaß an die erste Stelle, gefolgt von Gesundheit mit 54 % und Fitness mit 45 %. Erst an vierter Stelle kommt der Ausgleich zur Arbeit mit 35 %. Erheblich niedrigere Bewertungen erhielten sonstige physische, psychische und soziale Motivationen. So sprachen sich nur 16 % für das Motiv „Gut für Figur und Schlankheit“ aus, das in der öffentlichen Meinung sonst eine so große Rolle spielt.

    Eine Sportart zu betreiben, die keinen Spaß macht, kann man sich nicht vorstellen. Je regelmäßiger und intensiver eine Sportart ausgeübt wird, desto mehr Spaß macht sie: Kein Wunder also, daß sich Leistungssportler zu 82 % zum Spaß bekennen, ebenso wie 79 % der Aktivsportler und 70 % der Gelegenheitssportler.

    Als weitere Besonderheit zeigte sich, daß nicht in der Großstadt, sondern in Kleinstädten Sport am meisten Spaß macht (81 %), danach auf dem Land     (78 %) und dann erst in der Großstadt (70 %).

    Persönliches Wohlbefinden wichtiger als soziale Kontakte

    Im Freizeitsport spielt die Geselligkeit, die Freude am Kontakt zu Mitsportlern nicht eine so große Rolle, wie allgemein angenommen wird. Der Sporttreibende ist sich meist selbst der Nächste. So werden Mannschafts- und Gruppenerlebnisse mit 7 % der Nennungen gering bewertet. Geselliges Sporttreiben im Verein ist für die meisten nicht das Schönste am Sport. Nur jeder fünfte Freizeitsportler hält das Zusammensein mit anderen Menschen für besonders wichtig. Sozialpartner werden allenfalls als „Hilfsmittel“ geschätzt. Sie helfen, die eigene Trägheit zu überwinden, sie erhöhen die Sicherheit bei bestimmten Sportarten.

    Zum Wohlbefinden trägt auch der Streßabbau beim Sport bei. Man vergißt seine Sorgen, schaltet ab. Fast jeder zweite Selbständige (48 %), 34 % der Leitenden Angestellten, aber auch 37 % der Arbeitslosen nutzten den Sport um Streß zu vermindern. Schließlich steigert auch das eigene Leistungserlebnis das Wohlbefinden. Es spielt allerdings im Vergleich zur Spaßorientierung und dem Fitnessinteresse im Freizeitsport eine eher untergeordnete Rolle. „Mehr Lust als Leistung“ heißt die Devise.

    Andererseits sind in der Befragung des BAT Freizeit-Forschungsinstituts zwei Drittel der Bevölkerung der Auffassung, Sport habe viel mit Leistung zu tun, ähnlich wie es mit Schule und Arbeit ist. Doch nach Ansicht der Hamburger Freizeitforscher zeigt sich nur ein scheinbarer Widerspruch, da hier der Leistungsbegriff eher mit Fleiß assoziiert wird, nicht mit Anerkennung, auf die es beim Sportler in erster Linie ankommt. Denn die Anerkennung macht wiederum Spaß und trägt zum Wohlbefinden bei. Wie Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, wissenschaftlicher Leiter des BAT-Instituts es formuliert: „Die Leistung ist das Mittel, die Lust ist das Ziel.“

    15 Millionen konsumieren Sport nur im Wohnzimmer

    Für die passiven Freizeit-“Sportler“, die den Sport nur als Zuschauer erleben, übt der Sport eine nicht minder große Faszination aus. Übereinstimmend mit den Sportlern steht auch bei ihnen das Motiv „Spaß haben“ an erster Stelle, gefolgt von „Spannung erleben“, „Geselligkeit finden“ und „begeistert werden“.

    Der Besuch von Sportveranstaltungen ist vorwiegend Sache der Männer. Sie stellen hohe Ansprüche an den Stadionbesuch. Frauen interessieren sich längst nicht so sehr für Sportstars und Sportergebnisse, für sie muß die Veranstaltung Abwechslung bieten und gesellig sein. Die positive Einstellung gilt auch für den Sportkonsum im Fernsehen. Über 68 % der Männer sind mit dem sportlichen TV-Angebot glücklich, 15 Millionen Bundesbürger konsumieren den Sport ausschließlich im Wohnzimmer. Überhaupt nicht am Sport interessiert sind 11 Millionen Bundesbürger. Fast jeder zweite dieser Gruppe macht für seine Sportunlust die Schule verantwortlich. Sie kritisieren, „die Schule motiviert nicht ausreichend zum Sporttreiben“, und sind der Auffassung, daß man in der Schule zu wenig Sportarten kennenlernt. Zwischen Turnen und Schwimmen, Leichtathletik und Bundesjugendspielen angesiedelt, sind die Schulsportinhalte weitgehend auf dem Stand der 60er Jahre stehengeblieben.

    Frauen wollen ein sportintensiveres Leben führen

    Den größten Nachholbedarf im Freizeitsport melden die Frauen an. Sie möchten auch im Sport mehr Selbständigkeit erlangen und nicht nur mitgenommen werden. Derzeit konzentrieren sich ihre sportlichen Aktivitäten vornehmlich auf Schwimmen, Gymnastik, Radfahren und Joggen. So wünschen sie sich mehr Zugang zu Sportarten wie Tennis, Reiten, Segeln, Skifahren und Tanzen. Hier verbergen sich noch erhebliche Sportpotentiale von morgen.

    Aus Fitness wird Wellness

    Beim Blick in die Zukunft „entdecken die Freizeitforscher ein neues Sportideal: Die Verschmelzung von Fitness mit dem Wohlbefinden, dem „well-being“, für das sie den neuen Begriff der Wellness prägten. Wellness ist die Verbindung von körperlicher Aktivierung mit seelischer Entspannung und gleichzeitiger geistiger Anregung. Wellness ist für Prof. Opaschowski „die Fitness für Körper, Seele und Geist“.

    In der Entwicklung des Sports zur Wellness haben auch die Frauen ihren Platz, denn Wellness ist auf „ganzheitliches Sinn-Erleben“ ausgerichtet, das traditionell einer „eher weiblichen Perspektive“ entspricht. So gesehen ist Wellness der „Kraftspender für das Morgen“.

    Sport als Abenteuer

    Männer - in der Zukunft im Beruf körperlich immer weniger gefordert - werden im Sport zunehmend eine Herausforderung sehen, die ihnen den Weg „zu den letzten Abenteuern“ eröffnet. Moderne Kurz-Zeit-Helden werden Sportarten favorisieren wie Bergsteigen, Tauchen, Autorennen, Segel- und Drachenfliegen. Heute einfache Sportarten wie Radfahren werden mit abenteuerlichem Erlebnis-Charakter ausgestattet.

    Je ausgefallener, risikoreicher und gefährlicher Sportarten werden, desto individueller werden sie auch. Diese Individualisierung des Sports wird für die Sportbewegung generell zu einer großen Bewährungsprobe. Sportler werden sich größere Ziele setzen. Wer intensiv Sport treibt, wird auch intensiver leben.

    Dennoch: Auch im Jahr 2000 wird es viele Menschen geben, die - ohne Sport und mit einem Minimum an Bewegung - ganz gut leben können und wollen. „Sport für alle“ bleibt auch in Zukunft, was er schon immer war, eine konkrete Vision.