Forschung aktuell, 126, 17. Jg., 17.01.1996

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Neue BAT-Dokumentation: Jugend und Freizeit

    Neue BAT-Dokumentation: Jugend und Freizeit

    Keine Lust auf Soziales? Pflichten werden für Jugendliche immer lästiger

    Wenn eine Tätigkeit verpflichtend ist, verliert sie schnell ihren Freizeitcharakter. Vor allem Jugendliche wollen ihre Freizeit genießen und so werden Pflichten zunehmend ausgeblendet. Jeder dritte Jugendliche (35%) betrachtete 1995 die Mitarbeit in einem Verein in keinem Fall mehr als Freizeit. Vier Jahre zuvor waren es nur 16 Prozent gewesen. Und für die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen hat mittlerweile auch die Mitarbeit in einer Partei oder Gewerkschaft nichts mit Freizeit zu tun (1991: 41% - 1995: 56%). Dies geht aus einer aktuellen Trendanalyse des B·A·T Freizeit-Forschungsinstituts hervor, in der repräsentativ 383 Jugendliche im Alter von 14 bis 24 Jahren zu ihrem Sozialverhalten in der Freizeit befragt wurden. Den Befragungen lagen zwei Repräsentativerhebungen von jeweils 2.600 Personen ab 14 Jahren 1991 und 1995 zugrunde.

    Auch Bürgerinitiativen haben bei Jugendlichen in den letzten Jahren ihren Freizeit- und teilweise auch Happening-Charakter verloren. Das Engagement in einer Bürgerinitiative hat Pflichtcharakter (1991: 30% - 1995: 56%). Dies paßt offenbar nicht zur Freizeit, die doch Freiheit und Freiwilligkeit verspricht. „Für viele Jugendliche ist die Freizeit zu einer Zeit der Beliebigkeit und der unverbindlichen Kontakte geworden“, so Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, der Leiter des B·A·T Instituts. „Die Bereitschaft sinkt, soziale Verpflichtungen einzugehen.“ Dies bekommt selbst die eigene Familie zu spüren: Kranken- und Verwandtenbesuche werden eher lästiger (1991: 25% - 1995: 42%). Und familiären Pflichten nachkommen ist fast für die Hälfte der Jugendlichen inzwischen mit Unlust verbunden (46%). Vier Jahre zuvor war die soziale Unlust nur halb so groß (23%).

    Das Zeitalter der Individualisierung fordert seinen Tribut. Immer mehr Jugendliche neigen dazu, sich in ihrer freien Zeit selbst genug zu sein. Dabei ist die Jugend nicht besser oder schlechter als der Rest der Gesellschaft. So verliert auch in der übrigen Bevölkerung die soziale Dimension des Freizeitverhaltens zunehmend an Bedeutung. Dies trifft in besonderer Weise für Singles und Großstadtbewohner zu. Soziale Verpflichtungen werden eher als Störfaktoren empfunden, die den Lebensgenuß in der Freizeit beeinträchtigen. Mit der wachsenden Kommerzialisierung der Freizeit nimmt auch die Entsolidarisierung im Alltag zu.

    Nachbarschaftshilfe droht fast zu einem Fremdwort in der Freizeitgestaltung zu werden. Für mehr als ein Drittel aller Jugendlichen in Deutschland hat Nachbarschaftshilfe in der Freizeit keinen Platz (1991: 26% - 1995: 37%). Auch das freiwillige Engagement in einer sozialen Organisation (zum Beispiel Rotes Kreuz) wird von den Jugendlichen zunehmend als Arbeit mit Pflichtcharakter empfunden (1991: 30% - 1995: 48%).

    „Für die Zukunft besteht die Gefahr, daß der soziale Pflichtgedanke in der Freizeit stirbt, wenn es nicht gelingt, aus der sozialen Last wieder eine soziale Lust zu machen. Gesellschaft und Politik sind hier gefordert. Soziales Engagement muß freizeitattraktiver werden“, so BAT Institutsleiter Opaschowski, Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. Jugendliche dürften nicht das Gefühl haben, von Erwachsenen einverleibt oder in die Pflicht genommen zu werden. Mit der wachsenden Freizeitorientierung des Lebens müsse auch das soziale Engagement mehr Erlebnischarakter bekommen - sonst steigen immer mehr Jugendliche aus.

    Pflicht und Spaß müssen keine Gegensätze sein. Jugendliche wollen etwas tun, was Sinn hat und Spaß macht. Gefragt sind vor allem mehr Freiräume für eigene Ideen und eigenes Gestalten sowie mehr Gemeinschafts- und Erfolgserlebnisse. Jugendliche sind durchaus bereit, in ihrer Freizeit etwas freiwillig zu tun, lassen sich aber nur ungern von anderen unter Zeitdruck setzen. Da zudem das Freizeitverhalten im Zeitalter von Handy, Telefax und Fernbedienung immer schnellebiger und spontaner wird, müssen auch Tätigkeiten in der Freizeit zunehmend spontanen Charakter haben, also Engagements auf Zeit sein. Wer hingegen Lebenszeitbindungen erwartet oder fordert, muß mit dem Ausstieg vor allem der Jugendlichen rechnen. Mitarbeit und Mitgliedschaften müssen neu definiert werden. Eine Herausforderung an alle Institutionen, Organisationen und Vereine, die eine Zukunft haben wollen.

    Die neue BAT-Dokumentation „Jugend und Freizeit. Eine Bestandsaufnahme Mitte der 90er Jahre auf Basis aktueller Analysen“ ist in der Reihe Scripten erschienen und enthält neben zahlreichen Grafiken und Tabellen eine ausführliche Einführung von Univ.-Prof. Dr. Horst W. Opaschowski. Der Band ist gegen eine Schutzgebühr von DM 28,- beim BAT Freizeit-Forschungsinstitut, Alsterufer 4, 20354 Hamburg, Telefax: 040 - 41513231, ab sofort zu beziehen.