Forschung aktuell, 209, 29. Jg., 17.10.2008

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Was den Deutschen heilig ist

    Was den Deutschen heilig ist

    Die Familie als neue Glaubens-Gemeinschaft
    Die Kirche liegt an letzter Stelle

    Geht Gott verloren? Spielt der Mensch selber Gott? Jeder dritte Deutsche ist mittlerweile konfessionslos. Deutschland, so scheint es, ist fast entchristlicht. Und doch gehen jeden Sonntag nachweislich mehr Bundesbürger in die Kirche als in das Fußballstadion. Auf einen Bundesligazuschauer  am Wochenende (ca. 0,7 Mio) kommen sieben Gottesdienstbesucher (ca. 5 Mio). Andererseits stellt Deutschland im europäischen Religionsvergleich (einschließlich Ungarn und Russland) das Schlusslicht dar. Nur für knapp ein Viertel der Bundesbürger (24%) ist die Religion ein wichtiger Teil der Lebensqualität. Bei den Italienern wird die Religion doppelt so hoch bewertet (48%). Dies geht aus Repräsentativbefragungen der BAT Stiftung für Zukunftsfragen hervor, in denen jeweils 1.000 Personen ab 14 Jahren in neun Ländern befragt wurden.   „Religiosität und Rituale verwandeln sich immer mehr in persönliche Betroffenheits- und Ergriffenheitsgefühle bei Zeitereignissen wie Tschernobyl und 11. September, Klimawandel und Bankenkrise. Auf der Strecke bleiben Beten und Gott danken, Kirchenbesuch und Sonntagsruhe“, so Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, der Wissenschaftliche Leiter der BAT Stiftung.

    „Jeder soll nach eigener Façon selig werden“.
    Von der Kirchenreligion zur Privatreligion

    Religion ist etwas ganz Persönliches, ja Individualistisches geworden. Für die Bundesbürger gilt das Toleranzprinzip, wonach jeder nach seiner Façon selig werden soll. 93 Prozent der Bevölkerung vertreten die Auffassung: „Jeder soll die Religion haben, die er will.“ Darin sind sich fast alle einig – quer durch alle Bevölkerungsgruppen. Religion ist den Bundesbürgern so nah und so persönlich wie die eigene Gesundheit. Opaschowski: „Religionslos muss nicht sinnlos heißen. Aus einer kirchlich institutionalisierten wird eher eine individuell privatisierte Sinngebung des Lebens. Die Menschen können nicht anders, als im Leben an etwas Unantastbares und Unangreifbares zu glauben, um den Halt und Sinn des Lebens nicht zu verlieren. Sie glauben vor allem an die Familie, weil sie ohne das Gefühl der Geborgenheit nicht leben können.“   Der Beliebigkeit setzen die Deutschen wieder die Beständigkeit des Lebens entgegen – die Stabilität der Familie (71%), die dauerhafte Partnerschaft (52%) und die lebenslange Begleitung der Kinder (55%). Was am Ende eines langen Lebens zählt, ist das sichere Haus der Familie, sind Partner und Kinder als Garanten des Glücks und Lebenssinns. Und jeder zweite Bundesbürger „baut“ zusätzlich auf die eigenen Freunde (49%), vertraut ihnen und ihrer Verlässlichkeit.

    Religiöser Riss durch Deutschland durch Deutschland:
    Leben in zwei Welten

    In der Glaubenswelt der Deutschen spiegelt sich die „DDR“- und „BRD“-Geschichte wider. Fast dreimal so hoch ist der Anteil der Westdeutschen (20,5% - Ostdeutsche: 7,6%), denen ihr Glaube an Gott heilig ist, und fast doppelt so hoch das Bekenntnis zur Kirche (11,2% - Ostdeutsche 5,8%). Intensiver und mehr wird auch in Westdeutschland (10,9%) als in Ostdeutschland (5,3%) gebetet. „Die Ostdeutschen leben mehr in einer Werte- als in einer Glaubensgemeinschaft: Versprechen und Verlässlichkeit haben für sie eine größere Bedeutung als bei den Westdeutschen. Auch ihr zum Ausdruck gebrachtes Gerechtigkeitsgefühl ist ausgeprägter“, so Professor Opaschowski.   Bemerkenswert an den Ergebnissen der BAT Repräsentativbefragung ist die Tatsache, dass die „Gläubigsten“ in Baden-Württemberg (29,0%) leben, gefolgt von den Bewohnern in Rheinland-Pfalz (27,0%), Saarland (26,3%), Hessen (25,5%) und Bayern (23,5%). Den geringsten Anteil von Gottesgläubigen verzeichnen hingegen die Bundesländer Schleswig-Holstein (4,3%), Mecklenburg-Vorpommern (4,0%) und Sachsen-Anhalt (1,6%).  

    Demographiefaktor Religion:
    Wertewelt mit Zukunft
     

    Religion wird zum Demographiefaktor: Konsum und Geld regieren die Welt der Jugend (80%), während die Religion in dieser Lebensphase geradezu ein Nischendasein (26%) führt. Mit dem Erreichen der Altersgrenze um 65 jedoch erfährt das bloße Konsumdenken einen dramatischen Absturz (58%), während sich gleichzeitig die Lebensbedeutung der Religion mehr als verdoppelt (56%). Opaschowski: „Das Geld muss schon stimmen, aber für das ganz persönliche Wohlbefinden wird Religion genauso wichtig.“ Natur, Kultur, Bildung und Religion erfahren in der alternden Bevölkerung einen Bedeutungszuwachs.  

    Das Schönste im Leben ist das Heiligste.
    Die Familie als neue Glaubensgemeinschaft
     

    Die Familie ist den Deutschen heilig. Fast drei Viertel der Deutschen (71%) empfinden die eigene Familie als „die“ Glaubensgemeinschaft, während die Zugehörigkeit zur Kirche beinahe in Bedeutungslosigkeit versinkt (10% - Jugendliche: 1%). Lediglich die Singles stehen der Familie etwas reservierter gegenüber (49%), ohne dass die Kirche (4%) diese Bedeutungslosigkeit ausgleichen könnte. Ganz im Gegenteil: Die Kirche liegt an letzter Stelle, wenn es um die Frage geht, was den Deutschen heilig ist.   „Die ‚heilige Familie’ überlebt offensichtlich alle Krisen und Zeitgeistströmungen“, so Stiftungsleiter Opaschowski. „Die Familie hat etwas Unantastbares. Statt Wiederkehr der Religion heißt es eher Renaissance der Familie. Die Familie ist die neue Glaubensgemeinschaft der Deutschen.“ Aus den Gottsuchern sind Sinnsucher geworden.   Vielleicht ist Religiosität heute nur ein anderes Wort für Humanität. So weist die Repräsentativbefragung der BAT Stiftung für Zukunftsfragen überzeugend nach, dass hochreligiöse Menschen in besonderem Maße geprägt sind von der Ehrfurcht vor dem Leben, der Ehrfurcht vor der Natur und der Achtung vor der Menschenwürde. „Hochreligiös“ sind Menschen, die an Gott glauben, regelmäßig beten, einer Kirche angehören und sich selbst als religiös bezeichnen. Wer hingegen gott- und religionslos lebt, legt deutlich weniger Wert auf Natur und Menschenwürde, Verlässlichkeit und Toleranz. Diese Werte sind aber der soziale Kitt, der unsere Gesellschaft in Zukunft zusammenhält.   Opaschowski: „Es muss daher ein fundamentales Interesse von Gesellschaft und Politik sein, dass Religion auch im traditionellen Sinne weiter gepflegt und im Alltag gelebt wird, damit die Humanität nicht verkümmert oder stirbt.“ Ohne Religion sind Kultur und sozialer Zusammenhalt einer Gesellschaft auf Dauer gefährdet. Religion stärkt das Gemeinschaftsgefühl.