Forschung aktuell, 243, 34. Jg., 21.01.2013

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Wie kinderfreundlich ist Europa?
Dänemark Spitzenreiter – Deutschland Schlusslicht

    Wie kinderfreundlich ist Europa?
    Dänemark Spitzenreiter – Deutschland Schlusslicht

    Europa droht langsam aber sicher der eigene Nachwuchs auszugehen. Derzeit bekommen 100 Frauen in Europa etwa 140 Kinder. Um die Bevölkerungszahl stabil zu halten, wären jedoch fast 50 Prozent mehr nötig. Doch wie kinderfreundlich sind die einzelnen Staaten in Europa?

    Dieser Frage ist die BAT-Stiftung für Zukunftsfragen in ihrer neuesten Europauntersuchung nachgegangen und hat repräsentativ über 11.000 Europäer ab 14 Jahren in zehn Ländern befragt. Das Ergebnis: Mit großem Abstand rangiert Dänemark beim Thema Kinderfreundlichkeit an erster Stelle. Neun von zehn Dänen stufen ihre Heimat als kinderfreundlich ein. Und während immerhin noch knapp die Hälfte der Spanier, Niederländer und Griechen dies über ihr Land behauptet, ist es in Deutschland nur etwa jeder siebte Bürger, der Kinderfreundlichkeit in der Gesellschaft wahrnimmt.

    Kinderfreundlichkeit in ganz Europa gering

    Dänemark die Ausnahme – Deutschland auf dem letzten Platz

    Von je 100 Befragten sehen ihr Land als kinderfreundlich an:

      
    Dänemark90
    Spanien49
    Niederlande47
    Griechenland43
    Frankreich40
    Schweiz36
    Österreich31
    Vereinigtes Königreich29
    Polen21
    Deutschland15

    Die große Zufriedenheit der Dänen erklärt Professor Dr. Ulrich Reinhardt, der Wissenschaftliche Leiter der BAT-Stiftung, unter anderem mit dem hohen Emanzipationsgrad im Königreich Dänemark: „Egal, ob man sich den Anteil von berufstätigen Frauen, die Quote von weiblichen Führungskräften, die Anzahl von Krippenplätzen oder die Möglichkeit, Beruf und Familie miteinander zu verbinden, anschaut – überall liegt Dänemark deutlich über dem europäischen Durchschnitt. Zudem ist aber auch der hohe Stellenwert von Familien sowie deren gesellschaftliche Anerkennung ausschlaggebend für den hohen Wert.“

    Ostdeutsche und Großstadtbewohner besonders kritisch

    Die Bundesbürger nehmen dagegen immer seltener eine Kinderfreundlichkeit wahr. Im Jahresvergleich zu 2010 ist der Wert dabei deutlich gesunken – von 21 Prozent auf aktuell lediglich noch 15 Prozent. Die deutsche Bevölkerung zeigt sich beim Thema Kinderfreundlichkeit zudem auch gespalten. So bewerten Westdeutsche und Landbewohner das Thema deutlich positiver als Großstädter und Bürger im Osten der Republik. Und auch beim Alter zeigen sich große Unterschiede – je älter, desto negativer wird die Kinderfreundlichkeit wahrgenommen. Dennoch bleibt der Wert, unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft, Einkommen oder anderen Unterscheidungsmerkmalen, in allen Untergruppen gering.

    Kinderfreundlichkeit in Deutschland

    Junge Generation deutlich optimistischer als ältere

    Von je 100 Befragten sehen ihr Land als kinderfreundlich an:

      
    Deutschland15
      
    West16
    Ost9
      
    Landbevölkerung17
    Großstadtbewohner10
      
    Bis 34 Jahre20
    35-54 Jahre15
    55 Jahre und älter11

    Professor Reinhardt: „Mehr Krippenplätze und Ganztagsschulen, Einführung eines Betreuungsgelds oder gesplittetes Elterngeld – dies alles hilft zweifellos vielen Familien. Doch solche Maßnahmen sagen nichts über die Kinderfreundlichkeit im Alltag unserer Gesellschaft aus. Diese würde mit einer Infrastruktur beginnen, die nicht nur auf Erwachsene ausgerichtet ist, sondern stärker auf die Bedürfnisse von Familien und Kindern eingeht sowie einer Arbeitswelt, die die Vereinbarung von Beruf und Familie zulässt. Kinderfreundlichkeit im Alltag umfasst aber auch Kleinigkeiten, von der Wurstscheibe beim Metzger bis zum Nachbarn, der sich nicht gleich beschwert, wenn es nebenan einmal lauter zugeht“.

    Gefordert sind demnach Politik und Wirtschaft, da diese die Rahmenbedingungen festlegen. Ebenso ist aber auch jeder einzelne Bürger gefordert, mehr Toleranz und Respekt aufzubringen. Allen sollte dabei stets bewusst sein: Kinderlärm ist tatsächlich unsere Zukunftsmusik.