Forschung aktuell, 265, 36. Jg., 16.12.2015

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Was die Bundesbürger für 2016 erwarten
Rückkehr der „German Angst“

    Was die Bundesbürger für 2016 erwarten
    Rückkehr der „German Angst“

    • Mehrheit blickt angstvoll in die Zukunft
    • Rezession befürchtet
    • Auseinanderdriften Europas
    • Politikervertrauen auf neuem Tiefpunkt
    • Renaissance der menschlichen Nähe

    Mehrheit blickt angstvoll in die Zukunft

    Die Bundesbürger starten erstmals seit Jahren nicht mit Optimismus ins neue Jahr: Mehr als jeder Zweite (55%) blickt sorgenvoll in die Zukunft. Dies geht aus einer aktuellen Repräsentativbefragung der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen hervor, in der über 2.000 Personen ab 14 Jahren ihre Erwartungen für 2016 zum Ausdruck gebracht haben. Besonders die älteren Bundesbürger sind skeptisch – fast zwei Drittel der über 55-Jährigen blicken angstvoll auf 2016. Deutlich positiver äußern sich dagegen die jüngeren Generationen, die sich „lediglich“ zu zwei Fünfteln besorgt zeigen. Allerdings erhöhte sich in keiner Altersgruppe die Angst so stark wie bei den unter 35-Jährigen (2013: 19%, 2015: 42%).

    „Die gegenwärtige humanitäre Krise und die zunehmende Angst vor Terroranschlägen hat die Bevölkerung tief verunsichert und lässt sie an einer positiven Zukunft zweifeln“, so der Wissenschaftliche Leiter der Stiftung, Professor Dr. Ulrich Reinhardt.

    Mit Angst ins neue Jahr

    Von je 100 Befragten stimmen für das kommende Jahr folgender Aussage zu:

     Ich blicke mit Zuversicht in die ZukunftIch blicke angstvoll in die Zukunft
    20137228
    20146931
    20154555
       
    14-34 Jahre5842
    35-54 Jahre4456
    55 Jahre und älter3664

    Rezession befürchtet

    2015 sind in Deutschland 100.000 mehr Bundesbürger beschäftigt als noch vor einem Jahr, die durchschnittlichen Löhne stiegen um 2,6 Prozent, die Inflation betrug gerade einmal 0,2 Prozent und die Bundesregierung rechnet für das Gesamtjahr mit einem Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts von 1,7 Prozent. Trotz dieser durchweg positiven Zahlen erwartet eine steigende Zahl von Bundesbürgern zunehmende wirtschaftliche Probleme für den Wirtschaftsstandort Deutschland.

    Reinhardt: „Die deutsche Wirtschaft ist robust und alle Prognosen gehen auch für die kommenden Jahre von einem stabilen Wirtschaftswachstum aus. Dennoch zeigt sich die Bevölkerung beunruhigt und fürchtet eine negative Entwicklung. Besonders die Erwerbstätigen erwarten zusätzliche Belastungen und fürchten, ihren Lebensstandard nicht halten zu können.“

    Als mögliche Folge prognostiziert der Leiter der BAT-Stiftung eine abnehmende Konsumlust. Die Bürger setzen ihre Preissensibilität nicht nur beim Versorgungskonsum fort. Zusätzlich muss sich auch der Bereich Erlebniskonsum auf Einsparungen einstellen. Das Sparen für schlechte Zeiten erlebt ein Comeback.

    Mehr als ¾ erwarten 2016 eine Rezession

    Von je 100 Befragten stimmen für das kommende Jahr folgender Aussage zu:

     Deutschland wird wirtschaftlich besser dastehenDie wirtschaftlichen Probleme werden größer
    20134159
    20143466
    20152179
       
    14-34 Jahre2674
    35-54 Jahre1883
    55 Jahre und älter2080

    Auseinanderdriften Europas

    Griechenlandhilfen sowie Euro-, Wirtschafts- und Finanzkrise – all das hat in den letzten Jahren zu einer zunehmenden Anti-Europa-Haltung und Konzentration auf nationale Belange geführt. Mit der anhaltenden Uneinigkeit bei der Bewältigung der Flüchtlingssituation verschärft sich diese Lage noch einmal deutlich. In der Konsequenz erwarten mehr als zwei Drittel der Bundesbürger, dass Europa weiter auseinanderdriften wird. Auch hierbei herrscht innerhalb der Bevölkerung weitestgehend Einigkeit.

    Der Rechtstrend bei Wahlen in Polen, Frankreich, Ungarn, Österreich, Schweden, Großbritannien, Dänemark oder der Schweiz zeigt in ganz Europa die große Verunsicherung der Bevölkerung, die Angst um den eigenen Wohlstand hat, sich vor Überfremdung fürchtet und nationale Interessen in den Vordergrund stellt. Die Bürger sollten dabei jedoch bedenken, dass auf sich allein gestellt Nationalstaaten mit vielen künftigen Herausforderungen überfordert sind. Ohne ein vereintes Europa stehen die wirtschaftliche Stärke, die innere und äußere Sicherheit, die globale Bedeutung, der Lebensstandard und die Lebensqualität auf der Kippe. 

    „Die Bürger sollten sich daher die Frage stellen, ob es bei einer teilweisen Preisgabe der nationalen Souveränität dauerhaft nicht mehr zu gewinnen als zu verlieren gibt“, so der Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt.

    Nationale statt europäische Interessen

    Von je 100 Befragten stimmen für das kommende Jahr folgender Aussage zu:

     Europa wird weiter auseinanderdriftenEuropa wird näher zusammenrücken
    20136139
    20146040
    20157030
       
    14-34 Jahre6733
    35-54 Jahre7129
    55 Jahre und älter7129

    Politikervertrauen auf neuem Tiefpunkt

    Durch alle Gesellschaftsschichten hindurch zieht sich eine große Unzufriedenheit mit den gegenwärtigen Volksvertretern. Viele Bürger wenden sich enttäuscht oder frustriert ab und entziehen ihnen das Vertrauen. Dies führt seit Jahren zu einem hohen Anteil von Nicht- oder auch Protestwählern. Breite Bevölkerungsgruppen reagieren wahlweise mit Gleichgültigkeit, Resignation oder machen ihrer Wut außerhalb von Wahlen bei Demonstrationen oder am Stammtisch Luft. Der persönliche Bezug zu den Volksvertretern ist fast vollständig verloren gegangen und viele haben das Gefühl, es gehe den Politikern mehr um eigene Inszenierungen und Interessen als um die konstruktive Lösung von Problemen.

    Politisches Misstrauen

    Von je 100 Befragten stimmen für das kommende Jahr folgender Aussage zu:

     Politiker werden an Zustimmung gewinnenPolitiker werden weiter an Zustimmung verlieren
    20132377
    20141981
    20151487
       
    14-34 Jahre1783
    35-54 Jahre1387
    55 Jahre und älter1189

    Renaissance der menschlichen Nähe

    Je mehr das Vertrauen in Politik und Wirtschaft verloren geht, desto näher rücken die Menschen wieder zusammen. Fast neun von zehn Bundesbürgern sind sich einig: „Für Egoismus ist in unserer Gesellschaft immer weniger Platz, wir müssen näher zusammenrücken.“ Dass dies im kommenden Jahr passiert, erwartet mittlerweile fast die Hälfte der Bundesbürger. Im Vergleich zur Vergangenheit ist dies der höchste gemessene Wert. Besonders die nachwachsende Generation sieht eine Renaissance der Gemeinschaft.

    Reinhardt: „Ob innerhalb der Familie, des Freundeskreises oder der Nachbarschaft, in Krisenzeiten rücken die Menschen enger zusammen. Statt nur darüber zu lamentieren, was der Staat versäumt hat, fühlen sich viele Bürger vor Ort selbst für das Gemeinwohl und Gemeinwesen verantwortlich und packen an. Daraus resultieren gegenseitige Hilfe und Unterstützung sowie gemeinsames Vertreten von Interessen und Bedürfnissen.“

    Menschliche Nähe

    Von je 100 Befragten stimmen für das kommende Jahr folgender Aussage zu:

     Die Menschen in unserem Land werden weiter auseinanderdriftenDie Menschen in unserem Land werden näher zusammenrücken
    20136139
    20145941
    20155644
       
    14-34 Jahre5446
    35-54 Jahre5644
    55 Jahre und älter5743