Der Freizeitbrief, 57, 8. Jg., 11.03.1987

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Wie leben wir nach dem Jahr 2000?

Wie leben wir nach dem Jahr 2000?

Neue Projektstudie des BAT Freizeit-Forschungsinstituts

Spätestens im Jahre 2010 werden die Deutschen über 200 arbeitsfreie Tage pro Jahr verfügen. Was werden sie mit diesem Mehr an Freizeit anfangen? Eine neue Studie des BAT Freizeit-Forschungsinstituts gibt Antworten auf diese Frage.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Das Paradies auf Erden wird auch an der Schwelle in ein neues Jahrtausend nicht auf uns warten. Die Gesellschaft der Müßiggänger findet nicht statt, lautet die realistische Prognose von Prof. Dr. Horst W.Opaschowski, Autor der Projektstudie des BAT Instituts. Arbeiten und Tätigsein sind auch nach dem Jahr 2000 noch erstrebenswerter als Müßiggang und Nichtstun.

2010: mehr freie Tage als Arbeitstage

Und dennoch genügt die relativ kurze Zeitspanne, um vieles zu ändern. Das Entscheidende ist: Die Freizeit wird weiter zunehmen. Unter der Annahme einer Steigerung der Arbeitsproduktivität um 2% und einer Reduzierung der Arbeitszeit um 0,8 % pro Jahr zwischen 1990 und 2010 werden dann 165 Arbeitstagen 200 freie Tage gegenüberstehen. Im Vergleich zu heute kehrt sich damit das Verhältnis zugunsten der Freizeit um. Daraus erwachsen einerseits Probleme wie Langeweile und Vereinsamung. Aber andererseits bieten sich auch große Chancen: Eine neue „Freizeit-Arbeitsgesellschaft“ wird entstehen, in der die Freizeit nicht mehr als Gegensatz zur Arbeit definiert wird.

Neben der eigentlichen Arbeit, die dem Lebensunterhalt dient, werden wir freiwillig in der Freizeit Dinge tun, auf die das Wort Arbeiten besser zutrifft als Freizeitbeschäftigung. Nicht nur, daß aus dem Heimwerker der Handwerker wird, der sein Hobby perfektioniert, sondern es wird selbstverständlich, soziale Aufgaben zu üb ernehmen, sich nebenbei in anderen Berufen auszubilden.

Bildung wird zur lustvollen Freizeitarbeit

Nach Opaschowski ist dies eine Folge des Wertewandels, den wir schon jetzt erleben und der zu neuer Sinnorientierung führt. Neben der Erwerbsarbeit wird die Freizeitarbeit zur zweiten bestimmenden Tätigkeit im Leben. Voraussetzung dafür ist allerdings eine „gesellschaftliche Neubewertung nichtbezahlter Arbeit“.

Wachsende Bedeutung der Freizeitarbeit

Wir werden soziale Anerkennung nicht allein aus der Berufsarbeit ableiten. Unser Status bestimmt sich ebenso nach der geleisteten Freizeitarbeit, das heißt, nach außerberuflichen Interessen, an der Bildung, insbesondere aber nach sozialem Engagement.

Doch wir werden nach dem Jahr 2000 die Freizeit keinesfalls nur der Freizeitarbeit widmen. Die eigentlich frei verfügbare Zeit füllen wir dann besser aus als heute. Wir pflegen mehr Kontakte und Geselligkeit, achten mehr auf körperliche Fitness und Gesundheit, leben genußorientierter, faulenzen und sind müßig ohne Schuldgefühle, treiben mehr Sport, gehen vielen Hobbys nach und tun mehr für unsere persönliche Bildung. Hiermit ist vor allem die beruflich nicht verwertbare Weiterbildung gemeint, ein Trend, der sich schon jetzt abzeichnet.

Konjunktur für Freizeitberufe

Aus den neuen Lebenszielen erwächst ein gewaltiger Bedarf an Dienstleistungen, der größten Wachstumsbranche, die zugleich auch eine Fülle neuer Berufe entstehen läßt. Die BAT-Studie erwartet eine Konjunktur für Freizeitberufe jeder Art, vor allem aber auch für Inspiratoren und Animateure als Ideenanreger und Interessenberater bis hin zu Berufen wie „Zuhörer für einsame Menschen“.

Lebensgenuß so wichtig wie Leistung

Denn inmitten der ständig zunehmenden äußeren Kontaktflut wächst auch die innere Vereinsamung – zwischenmenschliche Beziehungen werden immer flüchtiger und emotional unbefriedigender. Zwar erweist sich die wachsende Freizeit als der eigentliche Motor des Wertewandels. Sie verändert das Bewußtsein, Spaß und Lebensgenuß werden als genauso wertvoll betrachtet wie Leistung und Besitz; Lebensfreude und Offenheit als ebenso lebenswichtig eingeschätzt wie Fleiß und Pflichtbewußtsein. Doch die Lebensfreude, die man sich wünscht, läßt sich nicht so schnell lernen, auch nicht bis zum Jahr 2000.

Dazu Opaschowski: „Je eher wir uns auf die kommende Freizeit-Arbeitsgesellschaft einstellen, desto leichter wird es uns fallen, der Freizeit die gesellschaftliche Anerkennung zu geben, die offiziell noch die Arbeit besitzt. Die Polarisierung ist schon heute überholt. Wir sind bereits auf dem Wege zu einem bewußteren und aktiveren Leben, das wir nach der Jahrtausendwende führen können - in der Arbeit ebenso wie in der Freizeit“.