Der Freizeitbrief, 14, 2. Jg., November 1981

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Zurück zur Kreativität!

    Zurück zur Kreativität!

    Vom passiven Konsumieren zum aktiven Erleben in der Freizeit

    Das neue Schlüsselwort für mehr Spaß in der Freizeit heißt Kreativität. Wie die Experten des BAT Freizeit-Forschungsinstituts feststellen, steht uns ein Wandel in der Freizeitgestaltung bevor: Vorbei sind die Zeiten passiver Unterhaltung, gefragt ist Initiative, Selbstmachen, Erlebnisbereitschaft.

    Verblüfft stellen Psychologen und Pädagogen fest, daß immer mehr Bürger sich auf ihre eigenen Talente besinnen. Unter dem Motto „zurück zur Kreativität“ entwickelt sich ein neuer Lebensstil in der Freizeit.

    Eine der Ursachen für diesen Trend ist vermutlich die wachsende kreative Verarmung in Schule, Ausbildung oder im Berufsleben, in dem die eigene kreative Entfaltung nur noch selten möglich ist. Dementsprechend wächst der Wunsch nach eigenschöpferischen Tätigkeiten, nach persönlichen Ausdrucksmöglichkeiten. Was jahrelang nur eine kleine Minderheit praktizierte, den Umgang mit handwerklichen Materialien, beispielsweise das Töpfern, Malen oder Weben, findet jetzt in Amateurgruppen und Hobbyclubs immer mehr Mit- und Selbermacher.

    Das fördert zugleich soziale Kontakte, man entgeht der selbstgewählten Isolation in den eigenen vier Wänden, findet Selbstbestätigung und Animation in Spiel- und Freizeitclubs. Freizeit wird erst attraktiv, wenn sie kreativitäts- und aktivitätsfördernd ist.

    Bestätigt wird die Neuentdeckung der Kreativität durch eine kürzliche Repräsentativbefragung, in der „kreative Betätigung“ bereits an zweiter Stelle unter den persönlichen Freizeitbeschäftigungen genannt wurde.

    Müßiggang ist vieler Freizeit Anfang

    Wer hätte das gedacht: Einfach mal Nichtstun, faul sein, frei von Streß und Hektik, von ständiger Beanspruchung. Und alles ohne Gewissensbisse. Mit einem Wort: Müßigsein, ohne Anstoß zu erregen?

    In einer erfolgs- und leistungsorientierten Umwelt klingt dies nach Widerspruch, Doch nach neuesten psychologischen Erkenntnissen ist notwendiges Lebensbedürfnis, was viele Generationen lang verteufelt wurde.

    Das Hamburger BAT Freizeit-Forschungsinstitut, das sich vorwiegend mit qualitativen Untersuchungen über das Freizeitverhalten beschäftigt, stellt eine neue Auffassung zur Muße fest. Übereinstimmung herrscht darüber, daß auf Phasen der Aktivität, angestrengter Arbeit, eine Phase der Ruhe und Muße folgen soll. Das Nichtstun in der Ruhezeit muß nun keinesfalls durch neues Tun ausgefüllt werden, nur um überlieferten Vorstellungen zu entsprechen.

    Ganz im Gegenteil es wird sogar die Forderung erhoben, Mut zur Muße zu haben und damit eine neue Form der Freizeitgestaltung bewußt und ohne Schuldkomplex zu erleben, Wer nur über berufliches Können verfügt, aber nicht die Kunst des Müßigseins übt, der wird sich automatisch langweilen, wenn er in der Freizeit plötzlich untätig sein muß. Die Freizeit kann dann leicht zur Problemzeit werden.

    Die Freizeitforscher verweisen darauf, daß bereits Paul Lafargue – der Schwiegersohn von Karl Marx – das Recht auf schöpferische Faulheit propagierte, seinerzeit eine kühne Tat, die jetzt ihre Bestätigung findet. Eines Tages betrachtet man das meist unverstandene Gammeln vielleicht mit ganz anderen Augen. Noch sind die wenigsten auf das vorübergehende Nichtstun ohne Schuldgefühle vorbereitet. Die Freizeit der Zukunft gibt jedoch hinreichend Gelegenheit, Müßigsein zu üben.