Freizeit aktuell, 108, 14. Jg., 11.03.1993

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Wie glücklich sind die Deutschen?

Wie glücklich sind die Deutschen?

Neue BAT Studie über Freizeit und Lebensqualität
Ungleiche Verteilung der Lebenszufriedenheit in West und Ost

Obwohl der Lebensstandard in Deutschland europaweit ohnegleichen ist, sind die Deutschen unzufrieden. Nicht einmal die Hälfte der Westdeutschen (42 %) ist der Auffassung, daß es den Menschen „heute besser geht als früher“. Noch geringer ist der Anteil der Zufriedenen in den neuen Bundesländern. Nur jeder sechste Ostdeutsche (16 %) glaubt daran, daß der höhere Lebensstandard auch zu mehr Lebensqualität für den einzelnen und die Gesellschaft geführt hat. Dies geht aus einer umfangreichen Repräsentativerhebung des BAT Freizeit-Forschungsinstituts hervor, in der 3.000 Personen ab 14 Jahren in West- und Ostdeutschland nach ihrer Lebens- und Freizeitzufriedenheit gefragt wurden.

Mehr Wohlstand bedeutet nicht mehr Lebensqualität

Mehr materieller Wohlstand ist keine Garantie für größeres soziales Wohlbefinden der Bürger. Zur Zeit zeichnet sich mitten durch Deutschland ein sozialer Graben ab, bei dem die Westdeutschen mehr allgemeine Unzufriedenheit demonstrieren, während die Ostdeutschen ganz konkrete Sorgen haben. „Sorge kann sich zu Angst, Unzufriedenheit zu Verdrossenheit steigern“, so Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, der Leiter des BAT Instituts. „Eine solche Entwicklung birgt sozialen Zündstoff.“ Die Zufriedenheit mit der erreichten Lebensqualität ist aber auch in Westdeutschland ungleich verteilt. Während die meisten Berliner (54 %) und Saarländer (55 %) mit „mehr Freizeit, höherem Lebensstandard und mehr sozialer Sicherheit“ glücklich und zufrieden sind, ist der Anteil der Zufriedenen in Norddeutschland (36 %) geringer als in Nordrhein-Westfalen (44 %), in Baden-Württemberg (35 %) niedriger als in Bayern (41 %). Ursache hierfür sind nicht allein unterschiedliche Lebensbedingungen, sondern vor allem sozial und kulturell gewachsene Lebenseinstellungen.

Zwei Drittel der Bundesbürger: Ohne Freizeit keine Lebensqualität

Der Wertewandel hat seine Spuren hinterlassen. Die Vorstellungen der Deutschen über das, was heute zur Lebensqualität zählt, gleichen dem Bild einer Glückshierarchie, in der immaterielle Werte ganz oben rangieren: Gesundheit (95 %), Partnerschaft (85 %), Familie (83 %) und Natur (83 %). Um wirklich glücklich und zufrieden leben zu können, sind zudem über zwei Drittel der Bevölkerung auf Freizeit angewiesen. In der Wertehierarchie der Westdeutschen rangiert dabei die Freizeit (70 %) deutlich vor Arbeit/Beruf (60 %), während es bei den Ostdeutschen genau umgekehrt ist: Arbeit und Beruf sind ihnen derzeit wichtiger (79 %) als Freizeit (66 %).

„Lebensqualität in der Freizeit ist das Salz des Lebens“, so Prof. Opaschowski. „In der Freizeit bekommt das Leben eine höhere Qualität, ja ohne Freizeit gibt es keine Lebensqualität.“ Im subjektiven Empfinden der Bevölkerung ist Lebensqualität ein Synonym für Wohlbefinden. Wärme, Geborgenheit und Unbeschwertheit finden am ehesten in der freien, selbst bestimmten Zeit statt.

Ostdeutsche: „Freiheit gewonnen, Sicherheit verloren“

Doch aus der sicht der Bevölkerung bietet derzeit die Freizeitentwicklung in Deutschland ein Bild mit erheblichen Mängeln. Die sozialen Rahmenbedingungen sowie die regionale und lokale Freizeitinfrastruktur schränken die Lebensqualität in der Freizeit deutlich ein. So haben die Bürger in den neuen Bundesländern mit der deutschen Vereinigung Freiheit gewonnen, aber Sicherheit verloren. Die Angst der Ostdeutschen vor Kriminalität ist im Durchschnitt doppelt so hoch (46 %) wie im Westen (23 %). Opaschowski: „Nach Feierabend breitet sich bei vielen Bewohnern Angst aus. Insbesondere Frauen und ältere Bürger verlassen ihre eigenen vier Wände nicht mehr, weil die Freizeit im Freien zu viele Sicherheitsrisiken birgt.“ Darüber hinaus sind die vorhandenen Freizeitangebote den Ostdeutschen zwar lieb und teuer - oft allerdings zu teuer (51 %). Und ein Drittel aller Ostdeutschen (34 %) klagt über „zu wenig geeignete Freizeitangebote“. Die zunehmende Kommerzialisierung der Freizeit trägt überdies zu einem wachsenden Gefälle zwischen Stadt und Land bei.

Westdeutsche in der Freizeit: Opfer selbstgemachter Hektik

Die westdeutsche Bevölkerung hingegen hat in ihrer Freizeit mehr unter Streß und Hektik zu leiden. Sie kann ihren erreichten Wohlstand nicht mehr in Ruhe genießen. So bemängelt jeder zweite Westdeutsche im Alter von 39 bis 49 Jahren das Zuviel an Alltagshektik. Auch für jede zweite Familie mit Kindern unter 14 Jahren beeinträchtigt die Hektik den Lebensgenuß in der Freizeit mehr als etwa Geldnot. Opaschowski: „Oft vergällt selbstgemachter Streß die Lebensqualität. Westdeutsche werden nicht selten Opfer übertriebenen Konsums in der Freizeit. Sie 'verkonsumieren' ihre Freizeit selbst und wehklagen dann über zu wenig Lebensqualität.“ Anstatt zu entspannen, zwanglos und ohne Zeitdruck einfach nur zu genießen, packen sie zu viele Dinge in die freien Stunden. Sie versetzen sich in eine unsinnige Hektik, die sie sich am Arbeitsplatz niemals zumuten würden.

So wichtig wie die Freizeit ist, damit sich Lebensqualität in ihr entfalten kann, so oft sind gerade Wohlhabende nicht in der Lage, sie dafür richtig zu nutzen. Muße ertragen und Bescheidenheit praktizieren sind offenbar seltene Tugenden. Der Gewinn an Freizeit, den sich die Menschen in den letzten vierzig Jahren verdient haben, führt ebensowenig zu einem Mehr an individueller Lebensqualität wie der gewachsene materielle Wohlstand. Eine Schlußfolgerung der BAT Forschungsarbeit lautet: „Wer im Konsumwohlstand lebt, lebt angenehmer, aber stressiger. Wer vom Wohlstand träumt, lebt eher unbequem, aber beschaulicher“.

Was braucht der Freizeitmensch zum Glücklichsein?
Kulinarisches, Kontakte und Konsum

Vier Dinge braucht der Freizeitmensch zum Glücklichsein: Das „gute Essen und Trinken“, die „netten Nachbarn“, die Unterhaltung beim Fernsehen und – als populärstes Glück - die Urlaubsreise. Diese Bereiche genießen bei der Mehrheit der Bevölkerung im Westen wie im Osten Deutschlands die höchste Wertschätzung. Zusätzliche Prioritäten ergeben sich aufgrund unterschiedlichen Lebensstandards. Ostdeutsche brauchen zu ihrem Glück Konsum- und Freizeitgüter, die für die meisten Westdeutschen selbstverständlich sind: Badewanne, moderne Küche, schöne Wohnung und das Auto. Alles Dinge, die das Freizeitleben angenehmer und schöner machen. Für Westdeutsche hingegen setzt das große Freizeitglück erst ein, wenn sie viel Zeit für ihr Hobby und für das Feiern von Festen und Parties haben.

Zwischen Frauen und Männern zeigen sich auf der Wunschskala bemerkenswerte Unterschiede. Zwei Gefühls- und Erlebniswelten stoßen hier aufeinander.

  • Für Frauen fängt das Wohlfühlen in der Freizeit erst einmal in den eigenen vier Wänden an. Die häusliche Atmosphäre mit dem entsprechenden Ambiente steht ganz obenan. Im Vergleich zu den Männern legen sie deutlich mehr Wert auf eine schöne Wohnung (54 %, Männer 41 %). Von der Badewanne bis zu Büchern und Telefon, von der modernen Küche bis zum Garten und den netten Nachbarn.
  • Im Vergleich zu den Frauen fühlen sich Männer erst richtig wohl, wenn sie von technischem Spielzeug umgeben sind, ungestört ihrem Hobby nachgehen (52 %, Frauen 45 %) und sich ganz auf Auto oder Stereoanlage konzentrieren können.

Mehr Lebensqualität: Infrastruktur der Freizeit verbessern

Die BAT Untersuchung bleibt bei kritischer Bestandsaufnahme nicht stehen. Der Untertitel der Studie „Perspektiven für Deutschland“ weist auf notwendige geseIlschaftspolitische Aufgaben hin. Dabei geht es einmal um die Verbesserung der Rahmenbedingungen für mehr Lebensqualität in der Freizeit, zum anderen um die Veränderung der psychosozialen, individuellen Einschätzung der tatsächlichen Lebensqualität.

Wo die Mängel in der Infrastruktur der Freizeit liegen, listet die Studie auf. Sichere Nahverkehrsmittel gehören ebenso dazu wie vernünftige Preisgestaltung der Freizeitangebote. In der kommunalen Werbung sollte die Freizeitorientierung der eigenen Bürger mindestens so berücksichtigt werden wie die Fremdenverkehrswerbung. Ebenso dringend ist die Schaffung attraktiver Angebote für die Heranwachsenden.

Professor Opaschowski weist darauf hin, daß die Menschen trotz der vielfach negativen Einschätzung ihrer Lebensqualität in der Freizeit sicherlich nicht unglücklicher geworden sind. Tatsache ist aber, „sie fühlen sich nicht glücklicher“. Subjektiv wird Lebensqualität heute meist schlechter beurteilt. Fest steht: Wer im Wohlstand lebt, neigt dazu, Probleme zu beklagen, die ihm erst der Wohlstand gebracht hat. Und wer sich Wünsche leicht erfüllen kann, empfindet eine immer geringer werdende Befriedigung dabei. Mit der Freude sinkt auch die subjektiv wahrgenommene Lebensqualität. Und mit der Anspruchsinflation wächst das Enttäuschungspotential, ja die Unzufriedenheit wird immer größer, je besser es den Menschen geht. Zukunftshoffnungen können sich so in Zukunftsängste verwandeln.

Für die Politik müssen Informationen über Wohlbefinden und Lebensqualität der Bürger von fundamentaler Bedeutung sein. Es kann sicher nicht Aufgabe des Staates sein, jedem Bürger ein sorgenfreies und glückliches Leben zu garantieren. Aufgabe staatlicher Politik muß es vielmehr sein, solche Lebensbedingungen zu schaffen, unter denen die Bürger genügend Möglichkeiten haben, sich um ihr persönliches Wohlbefinden selber zu kümmern.