Forschung aktuell, 154, 21. Jg., 23.05.2000

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Kathedralen des 21. Jahrhunderts

Kathedralen des 21. Jahrhunderts

EXPO, Nürburgring und Oktoberfest. Die Mega-Events der Deutschen im Jahr 2000

Wo ist im Jahr 2000 am meisten los? Wo "muss" man einfach dabei gewesen sein? Im Zeitalter der Eventkultur geben drei Großereignisse den Ton und Trend an: Die EXPO, die Formel-1 und die Wies'n. 15 Prozent der Bevölkerung sind bereits jetzt fest entschlossen, "auf jeden Fall" die Weltausstellung EXPO 2000 in Hannover zu besuchen, 9 Prozent das Oktoberfest in München und weitere 7 Prozent die Formel-1-Rennen auf dem Nürburg- oder Hockenheimring. Dies geht aus einer aktuellen Repräsentativbefragung von 3.000 Personen ab 14 Jahren hervor, in der das Freizeit-Forschungsinstitut der British American Tobacco die Besucherinteressen in den Erlebnisbereichen von Kultur, Sport und Unterhaltung untersuchte.

"Ein Wettlauf der Erlebniswelten hat begonnen", so Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, der Leiter des Instituts. "Allein in Deutschland gibt es 220 Erlebnisparks, 8.800 Ausstellungen und mehr als 10.000 Volksfeste. Leben heißt immer mehr erleben, um ja nichts zu verpassen." Die EXPO 2000 ist das erste globale Ereignis des neuen Jahrtausends, das man nur "einmal im Leben" erleben kann. Bis zu 40 Millionen Menschen aus aller Welt werden erwartet. Hinzu kommen die Olympischen Spiele, die Fußball-Europameisterschaft, das Heilige Jahr in Rom. Immer mehr moderne Wallfahrtsstätten für Erlebniskonsumenten breiten sich weltweit aus. Die erlebnishungrigen Konsumenten geraten in Zeit- und Geldnot.

Events im Bereich von Kultur, Sport und Unterhaltung werden von einzelnen Bevölkerungsgruppen ganz unterschiedlich angenommen. Beim Schleswig-Holstein Musikfestival kommen auf einen potentiellen Besucher mit Haupt- oder Volksschulbildung vier Universitätsabsolventen, die andererseits als Besucher von Freizeitparks unterrepräsentiert sind. Männer wollen in diesem Jahr vor allem die Formel-1-Rennen und die Fußball-EM aufsuchen. Die Love Parade in Berlin hat hingegen eindeutigen Jugendkult-Charakter: Jeder vierte 14- bis 19-Jährige will zu diesem Anlass unbedingt nach Berlin fahren (27%), während das Interesse bei den 20- bis 24-Jährigen nur halb so groß ist (13%). Und Rentner können sich eigentlich nur für ein "Mega-Event" alle zwei Jahre begeistern - für die Bundesgartenschau.

EXPO 2000: Info-Elite am meisten interessiert

Angesichts der Flut von Angeboten und Ereignissen müssen die Anbieter um die Gunst der Erlebniskonsumenten kämpfen. Die EXPO spricht viele und vieles an. Sie will unterhalten und zerstreuen und informieren und nachdenklich stimmen. Information und Unterhaltung kommen gleichermaßen zu ihrem Recht.

Für den besonderen Info- und Edutainment-Charakter der EXPO spricht auch die Sozialstruktur der möglichen Besucherschaft. Mit steigendem Bildungsgrad wächst das Interesse an einem Besuch der Weltausstellung in Hannover. Nur etwa 8 Prozent der Haupt- und Volksschulabsolventen finden die EXPO so interessant, dass sie sie in diesem Jahr "auf jeden Fall besuchen" wollen. Dreimal so hoch (24%) ist hingegen der Anteil der Interessenten mit höherem Schulabschluss. Und für gut ein Drittel aller Universitätsabsolventen (37%) scheint der EXPO-Besuch fast ein "Muss" zu sein. Die öffentlichen Diskussionen und Kontroversen um das Leitthema der EXPO "Mensch-Natur-Technik" haben offensichtlich das Interesse der Info-Elite an einem Besuch der Weltausstellung mehr gefördert als gebremst. Vielleicht fühlen sich Skeptiker und Kritiker in besonderer Weise von dem Weltereignis angezogen.

Neue BAT-Studie als Buchveröffentlichung: "Kathedralen des 21. Jahrhunderts"

Inszenierte Ereignisse, sogenannte "Events", und neue künstliche Erlebniswelten ziehen Massen von Menschen in ihren Bann. "Deutschland ist nicht Hollywood - hier ist alles echt!" Das Motto der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) ist bald überholungsbedürftig: Von Christos Verhüllung des Reichstagsgebäudes über "McGoethe", die Kopie von Goethes Gartenhaus in Weimar, bis zum "Zwinger des 21. Jahrhunderts", dem gläsernen VW-Werk in Dresden mit Kino, Restaurants und Galerien hat ein Wettlauf neuer Erlebniswelten begonnen.

Mehr zum Thema enthält die aktuelle Studie aus dem Freizeit-Forschungsinstitut der British American Tobacco, die jetzt für 29,90 DM im Buchhandel erhältlich ist (ISBN-Nr. 3-924865-32-9). Für Autor und Institutsleiter gilt: "Selbst Echtheit wird inszeniert. Die Grenzen zwischen Infotainment, Entertainment und Shoppertainment werden immer fließender. In den neuen Kathedralen des 21. Jahrhunderts soll der Himmel bereits auf Erden stattfinden."

Die Erlebniskonsumenten sind unerbittlich. Sie wollen ständig neue Ereignisse und Attraktionen. Und dabei sind sie keineswegs konsequent. Sie lassen sich von den neuen Illusionswelten begeistern und sehnen sich zugleich nach Live-Erlebnissen. Beides finden sie am ehesten in Musicals und bei Open-Air-Konzerten, vom Schleswig-Holstein Musikfestival (2%) über den rheinischen Karneval (5%) bis hin zum bayerischen Oktoberfest (9%). Selbst ein Traditionszoo muss heute zum "Dschungelpalast" werden und darf bei den Besuchern keine Langeweile aufkommen lassen. Wer will schon einen Löwen zweimal gähnen sehen?

Die neue B·A·T-Studie "Kathedralen des 21. Jahrhunderts. Erlebniswelten im Zeitalter der Eventkultur" mit dem "Special EXPO 2000" von Prof. Dr. Horst W. Opaschowski ist ab 24. Mai 2000 im Buchhandel (Preis: 29,92 DM (€ 15,30), Germa-Press Verlag Hamburg, ISBN-Nr. 3-924865-32-9) oder im Internet über "Bestellservice" erhältlich.

siehe auch Verzeichnis aller Publikationen