Forschung aktuell, 188, 26. Jg., 17.10.2005 (2)

 Download as PDF (in German)

Die neue Lust auf Stadt.

zurück zum 1. Teil

Metropolen mit Profil.
Lebensqualitäts-Ranking der zehn größten Städte

Wo lebt es sich am besten? Bei der Beantwortung dieser Frage stimmen die Bewohner in den zehn größten Städten Deutschlands weitgehend überein: 85 Prozent der Bundesbürger halten ihre Stadt für lebenswert - allerdings mit großen Schwankungsbreiten von 70 Prozent (Dortmund) bis zu 91 Prozent (Hamburg). Die Deutschen wissen zudem den Abwechslungsreichtum (82%) und die Weltoffenheit (81%) des Lebens in der Stadt zu schätzen.

Zugleich decken sie schonungslos die sozialen Defizite des Stadtlebens auf: Für Kinderfreundlichkeit (46%), Familienfreundlichkeit (49%) und Seniorenfreundlichkeit (49%) finden sich in der Bevölkerung keine Mehrheiten mehr. Dies sind offensichtlich die größten Herausforderungen für das Leben in der Stadt der Zukunft. Professor Opaschowski: „Die Kommunalpolitiker haben für viele Grünflächen, ein vielfältiges Kulturangebot und ein abwechslungsreiches Freizeitangebot gesorgt, aber die Menschen zu wenig zum freundlichen Umgang miteinander motiviert und aktiviert. In der Stadt ‚ist immer etwas los’ und ‚kommen auch alle auf ihre Kosten’. Nur: Der soziale Kitt wurde dabei nicht selten vergessen.“

Viele Stadtbewohner leben offensichtlich für sich und vor sich hin. Bei Stadtfesten und Mega-Events werden Weltoffenheit und touristische Attraktivität demonstriert, ohne gleichzeitig mitmenschliche Nähe oder nachbarschaftliche Verbundenheit mit anzuregen. Das Feuerwerk brennt ab - und die Menschen driften in sozialer Gleichgültigkeit wieder auseinander. Eine Stadt ohne kinderfreundliches Klima kann keine nachhaltige Zukunft vor sich haben.

In der Einschätzung der Bewohner ist - jeweils im Vergleich der zehn Großstädte -

  • Hamburg die schönste und lebenswerteste Stadt,
  • Bremen die weltoffenste und atmosphärischste Stadt,
  • München die gastfreundlichste und freizeitattraktivste Stadt,
  • Berlin die kulturvielfältigste Stadt,
  • Köln die toleranteste Stadt und
  • Stuttgart die wirtschaftskräftigste, wohlhabendste und sicherste Stadt.

Außerordentlich hohe Sympathiewerte erhält Bremen von den Stadtbewohnern für die urbane Atmosphäre sowie für die Kinder-, Familien- und Umweltfreundlichkeit mit Spitzenwerten, die sonst keine andere Großstadt erreicht. Die Dortmunder bescheinigen ihrer Stadt ein überdurchschnittlich gutes Verkehrs- und Straßennetz. Die Hauptstadt Berlin mag in Sachen Kultur und Politik meinungsführend sein. In einer Beziehung stellen die Berliner ihrer Stadt ein vernichtendes Zeugnis aus: Berlin „gilt“ im Vergleich zu den anderen Großstädten als die schmutzigste Stadt. Auffallend ist auch dies: Die meisten Großstädte haben bisher noch nicht hinreichend auf die demografische Entwicklung reagiert: „Seniorenfreundlichkeit“ bescheinigt nur eine Mehrheit der Hamburger (61%), Bremer (59%) und Münchener (54%) ihrer Stadt. In Berlin (48%), Stuttgart (47%), Essen (46%), Düsseldorf (44%), Dortmund (44%), Köln (39%) oder Frankfurt/M. (35%) hat die Kommunalpolitik bisher noch zu wenig auf die Folgen der älter werdenden Bevölkerung reagiert.

„Wenn Städte eine Zukunft haben wollen, können sie sich nicht nur als Wirtschaftsstandort profilieren“, so Professor Opaschowski. „Genauso wichtig ist es, durch Binnenmarketing ein positives Selbstbild der Bevölkerung zu erzeugen: Gastfreundlich. Weltoffen. Tolerant.“ Was im Hinblick auf die Fußball WM 2006 erst durch aufwendige Werbekampagnen auf nationaler Ebene erreicht werden soll, ist in Städten wie München, Bremen und Köln bereits heute Wirklichkeit.

Wahlfamilien: Familienlose werden „adoptiert“.
Ausblick auf die Stadtgesellschaft von morgen

Die Anonymität, die fehlende soziale Kontrolle und das unruhige Leben in der Stadt galten bisher als Merkmale eines urbanen Lebensstils. In Zukunft wird vieles anders sein: Das Leben auf dem Lande wird dem Stadtleben immer ähnlicher. Beides ist dann möglich: Die Verstädterung der Dörfer und die Verdörferung der Städte. Oder in der Sprache der Planer: Die Verdichtung und die Entdichtung. Motorisierung und Mobilität lassen die Grenzen zwischen Stadt und Land immer fließender werden. Der „Stadt“-Begriff ist schon heute nicht mehr abgrenzbar. Im internationalen Maßstab schwanken die Mindesteinwohnerzahlen einer Stadt zwischen 200 Einwohnern in Dänemark und 30.000 Einwohnern in Japan. In Deutschland leben mittlerweile über achtzig Prozent der Bevölkerung in Städten.
Weniger. Älter. Bunter. So sieht das Leben in der Stadt der Zukunft aus. Das Stadtbild wird durch weniger Kinder und Jugendliche, mehr ältere Grauköpfe und ein buntes Gemisch von Einheimischen und Zuwanderern aus fremden Kulturen geprägt sein.

Die Zeit der Stadtflucht geht zu Ende. Immer weniger Menschen leben auf dem Land. Sinkende Lebensqualität auf dem Lande und extrem hohe Energiepreise beschleunigen den Trend „Zurück in die Stadt“. Innerstädtische Wohnlagen gewährleisten eher ein „Rundum-versorgt-Sein“-Gefühl. Für die nähere Zukunft gilt: Deutschland bleibt in Bewegung. Architekten, Planer und Investoren sollten sich rechtzeitig auf diese Ent-wicklung einstellen und den Blick mehr auf stadtzentrale Wohnstandorte richten. Insbesondere Menschen in der nachelterlichen Lebensphase („45plus“) kehren den Schlafstädten und Reihenhauskolonien auf der grünen Wiese den Rücken und suchen zur eigenen Sicherheit die Garantie der Vielfalt von Arbeit, Freizeit, Kultur und sozialen Diensten in Wohnortnähe.

Die Stadt der Zukunft bietet kurze Wege, mehr Wahlmöglichkeiten und höhere Lebens- und Erlebnisqualitäten. Die neuen Urbanisten von morgen wollen wieder ‚mittendrin’ und ‚mitten im Leben’ wohnen und offen für neue Lebensformen und Wohngemeinschaften sein. Gemeinsam machen sie sich selbst zu Architekten, Planern und Gestaltern ihrer Häuser und Wohnungen. Durch Selbst- und Nachbarschaftshilfe sorgen sie für stabile soziale Beziehungen im Wohnquartier („civic life“).

Vielleicht lebt - wie in früheren Jahrhunderten - der Gedanke des „ganzen Hauses“ wieder auf, weil die Menschen aufeinander angewiesen bleiben und sich mehr selber helfen müssen. Im „ganzen Haus“ haben in Zukunft nicht nur natürliche Familienmitglieder Platz. Auch Enkel-, Kinder- und Familienlose werden „wie durch Adoption“ in die Haus- und Wohngemeinschaft aufgenommen und bilden neue Wahlfamilien. So könnten alle ein selbstbestimmtes Leben führen – aber nicht allein. Gemeinsam statt einsam heißt das Wohn- und Lebenskonzept in der Stadt der Zukunft: Mehr Generationenhaus und Baugemeinschaft als Heimplatz und betreutes Wohnen.

Das Buch

HORST W. OPASCHOWSKI
Besser leben, schöner wohnen?
Leben in der Stadt der Zukunft

265 Seiten/51 Grafiken/Sachregister
ist ab sofort im Buchhandel erhältlich:
ISBN 3-89678-544-3 Primus Verlag Darmstadt 2005
19,90 Euro