580 Euro für alle.

zurück zum 1. Teil

„Von Geburt an in die Wiege gelegt.“ Leistungslust und Lebenslust

Mit der Sicherung des Existenzminimums ist keine Beeinträchtigung der Lust an Arbeit und Leistung verbunden. Ganz im Gegenteil: Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung (84%) vertritt die Auffassung: Wer sich mehr als die anderen leisten will, „muss auch mehr leisten“. Erst die individuellen Leistungsvergleiche schaffen besondere Erfolgserlebnisse im Leben. Niemand muss, wenn die Grundversorgung gesichert ist, „auf der Strecke bleiben“ bzw. „abgehängt“ werden. Wer aber in Zukunft besser leben will, kann auf Leistung nicht verzichten.

Das Konsumbarometer wird zum Leistungsbarometer. Ausnahmen bestätigen die Regel: Auch in der Leistungsgesellschaft der Zukunft wird es wie bisher einige Leistungsverweigerer (16%) geben, die sich dafür aber auch im Leben einschränken müssen. Opaschowski: „Das war und ist schon immer so. Ein neues Sozialsystem kann keinen neuen Menschen hervorbringen. Wie in der gesamten Menschheitsgeschichte wird es auch in Zukunft Menschen geben, die sich im Leben weniger als andere anstrengen wollen.“ Das werden etwa 16 von 100 Bundesbürgern sein, die sich mehr phlegmatisch als ehrgeizig geben. Alle anderen aber wollen im Leben lieber Maximierer und Optimierer sein. Statt „Du musst etwas leisten“ heißt es für sie eher „Ich will mir etwas leisten.“

Und wer die Frage stellt „Wer hat denn noch Lust zu arbeiten!“ hat die Rechnung ohne die Psychologie des Menschen gemacht. Opaschowski: „Am glücklichsten sind nachweislich die Menschen immer dann, wenn sie etwas besitzen, was andere nicht haben. Leistungswettbewerb und Statuswettlauf bleiben für die meisten Menschen die wichtigste Antriebskraft, damit es ihnen besser geht als den anderen.“

„Was dürfen wir hoffen?“ Das Zukunftsmodell einer sozialen Gesellschaft

Die Bürger wünschen sich ein Ende der drohenden sozialen Verunsicherung und eine Neubestimmung der sozialen Gerechtigkeit. Bei den Zukunftswünschen der Deutschen steht durchaus überraschend die soziale Gerechtigkeit an erster Stelle – bei den Westdeutschen (75%) genauso wie bei den Ostdeutschen (74%). In dieser Frage sind kaum Unterschiede zwischen einzelnen Berufs-, Sozial- und Altersgruppen feststellbar. Die Bevölkerung meldet hier dringenden politischen Handlungsbedarf und für die Zukunft demografiefeste Lösungen zur Sicherung der sozialen Systeme an.

Bis zum Jahr 2030 wird die Lebenserwartung der Deutschen im Durchschnitt um weitere fünf Jahre zunehmen und kann sich der Anteil der Pflegefälle verdoppeln. Professor Opaschowski: „Es droht eine massive finanzielle Umverteilung zu Lasten der jungen Generation. Schon heute ist klar: So kann es nicht weitergehen. Mit tagespolitischen Entscheidungen allein lassen sich die Folgen sinkenden Lebensstandards und schrumpfender Arbeitnehmerschaft, höherer Lebenserwartung und wachsender Pflegebedürftigkeit nicht länger finanzieren. Statt in jeder Legislaturperiode die ungelösten sozialpolitischen Probleme immer nur als Wiedervorlage oder Nachjustierung zu behandeln und die Gelder zwischen den Sozialkassen hin- und herzuschieben, ist in Deutschland eine Jahrhundertreform erforderlich, die den Namen auch verdient.

Für eine große Reform braucht man große Mehrheiten, parteienübergreifende Initiativen sowie Allianzen für Generationengerechtigkeit, damit die finanzielle Umverteilung nicht weiter zu Lasten nachkommender Generationen erfolgt. Erfahrungsgemäß müssen Reformen von oben, die erst zu spät und dann zu überhastet umgesetzt werden, mit massiven Widerständen der Bevölkerung rechnen, weil um Besitzstände gebangt wird. Minimex hingegen, die Jahrhundertreform, kann langsam von unten wachsen und sich Zeit lassen für einen längerfristigen Überzeugungsprozess, bei dem es am Ende keine Verlierer, dafür aber mehr Zukunftshoffnungen und mehr Chancen für alle gibt.

Die Bevölkerung wünscht sich von der Politik mutige Schritte mit Weitsicht, eine Mischung aus Vision und Verantwortung. Damit die historische Chance nicht vertan wird, muss das Denken in Legislaturperioden aufgegeben werden. Die Politik hat im Interesse kommender Generationen geradezu die Pflicht zu nachhaltigen und generationengerechten Entscheidungen, zu konkreten Antworten darauf, was in dreißig Jahren sein wird oder sein soll – von der Finanzierung der Renten bis zur Deckung steigender Pflegekosten. Das Zeitfenster für die notwendige Jahrhundertreform ist jedoch begrenzt, wenn nicht chronisch defizitäre Sozialsysteme und drohende Beitragsexplosionen über längere Zeit in Kauf genommen werden sollen. Mit Minimex, dem Langfrist-Modell des Jahres 2030, kann eine Zukunftsoption Wirklichkeit werden, die allen Bürgern eine Mindestversorgung garantiert und zugleich Eigenvorsorge ermöglicht. Niemand muss mittellos bleiben. Wer mehr als das Existenzminimum haben will, muss dafür arbeiten. Minimex, das minimale Existenzgeld für alle, gibt eine verlässliche Antwort auf die Frage: „Wovon sollen wir in Zukunft leben?“

Das Buch

HORST W. OPASCHOWSKI:
Minimex. Das Zukunftsmodell einer sozialen Gesellschaft

ist im Buchhandel erhältlich

267 Seiten, 55 Grafiken
ISBN 978-3-579-06976-0
Gütersloher Verlagshaus 2007, 17,95 Euro

Information in eigener Sache

Mit der Umwandlung des BAT Freizeit-Forschungsinstituts in die Stiftung für Zukunftsfragen hat British American Tobacco als Initiator, Gründer und Stifter im Mai 2007 den Blick geweitet für eine Zukunft im Plural – für verschiedene „Zukünfte“, zwischen denen wir wählen und die wir auch gestalten können. Jede Weiche, die wir heute stellen, eröffnet ein Stück neue Zukunft. Die Stiftung fördert die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Zukunftsfragen und entwickelt Ansätze zur nachhaltigen Lösung künftiger Gesellschaftsprobleme. Dabei versteht sie sich als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, Öffentlichkeit und Politik. Wissenschaftlicher Leiter der Stiftung ist Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, der sich im Rahmen seiner jahrzehntelangen Forschungsarbeit frühzeitig gesellschaftlichen Zukunftsfragen gewidmet und zahlreiche Zukunftsstudien veröffentlicht hat (1988: Wie leben wir nach dem Jahr 2000? – 1997: Deutschland 2010 – 2004: Deutschland 2020 u.a.).