Forschung aktuell, 208, 29. Jg., 26.08.2008

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BAT Stiftung für Zukunftsfragen stellt Buchveröffentlichung „Deutschland 2030. Wie wir in Zukunft leben“ vor.

BAT Stiftung für Zukunftsfragen stellt Buchveröffentlichung „Deutschland 2030. Wie wir in Zukunft leben“ vor.

Zukunftsvorsorge für Deutschland: „Packen wir’s an!“ So wollen wir 2030 leben – so werden wir 2030 leben

Ausgangssitutation heute:
Zwischen Zukunftsangst und Lebensoptimismus

Deutschland im Jahr 2008: Teures Öl und starker Euro, steigende Lebenshaltungskosten und sinkende Konsumnachfrage, Europa in der Krise und Bankenpleiten in den USA. Solche Hiobsbotschaften spiegeln sich als Konjunktursorgen in den Aktienkursen wider und lassen ein Ende des wirtschaftlichen Aufschwungs und allgemeinen Wohlstands befürchten. Trotz des sich ausbreitenden Konjunkturpessimismus in Wirtschaft und Gesellschaft bleibt der ganz persönliche Lebensoptimismus in der Bevölkerung ungebrochen. Die geradezu bleierne Zukunftsangst der letzten Jahre („The German angst“) weicht einer neuen Zukunftshoffnung. Mehr mit Hoffnungen (39%) als mit Sorgen (33%) sehen die Bundesbürger ihrer eigenen Zukunft entgegen.

Die Welt mag sich wandeln. Doch ganz persönlich richten sich die Deutschen auf eine positive Entwicklung der nahen Zukunft ein. Als großer Hoffnungsträger erweist sich dabei die Jugend. Zwei Drittel der Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren (64%) sind davon überzeugt, dass sie ihre Zukunft problemlos meistern können. Von drohender Armut wollen sie wenig wissen (21%).

„Mut zur Zukunft“ ist die konkrete Antwort der Bevölkerung auf die Frage, wie wir in zwanzig oder dreißig Jahren leben. Statt passiv oder depressiv in die Zukunft zu blicken, will die Bevölkerung über alle Generationen hinweg offensiv für eine lebenswerte Zukunft kämpfen: Die Jugend verdoppelt ihre Leistungsanstrengungen. Die Frauen kommen; die Arbeitswelt wird weiblich. „Re-Start mit 50“ heißt es für ältere Arbeitnehmer. Und drei Viertel der Bevölkerung wollen freiwillig über 65 hinaus arbeiten und ihre Rente aufstocken, statt über Altersarmut zu klagen. Dies geht aus der umfassenden Repräsentativstudie der Stiftung für Zukunftsfragen, einer Initiative von British American Tobacco, hervor, die Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, der Autor und Wissenschaftliche Leiter der Stiftung, heute in Hamburg vorstellte.

Der auch als Buch unter dem Titel „Deutschland 2030. Wie wir in Zukunft leben“ veröffentlichte Zukunftsreport sagt einen Wertewandel mit positiver Grundrichtung voraus: Dazu zählen Hilfsbereitschaft (64%), Freundschaft (66%) und soziale Gerechtigkeit (74%). Und Geborgenheit wird für jeden zweiten Bundesbürger (49%) wieder genauso wichtig wie Freiheit (49%). Dies sind die Antworten der Bevölkerung auf die Frage, was in Zukunft wichtig und wertvoll ist. Professor Dr. Horst W. Opaschowski: „Die Bürger wünschen sich für die Zukunft ein Ende der drohenden sozialen Erosion und sind durchaus zur tatkräftigen Mithilfe bereit. Ein überaus positives Zukunftsbild, das auf gravierende soziale Defizite der vergangenen Jahre schließen lässt. Für die Zukunft zeichnet sich in Konturen eine doppelte Leistungsgesellschaft ab: einerseits eine Dienstleistungsgesellschaft, die Geld kostet, anderseits eine Hilfeleistungsgesellschaft, die Geld sparen hilft und das Zeitalter der Ichlinge bald vergessen lässt.“

Leistungsexplosion.
Jugend verdoppelt ihre Anstrengungen

Vier von zehn Bundesbürgern (43%) vertreten die Auffassung, dass die Leistungsgesellschaft die bundesdeutsche Wirklichkeit am treffendsten beschreibt. Die Leistungsgesellschaft lebt. Sie schafft erst die Voraussetzungen für eine lebenswerte Zukunft. Die Leistungsorientierung des Lebens nimmt bei der Jugend fast explosionsartig zu (1992: 32% - 2000: 41% - 2007: 56%). Für die junge Generation haben Leistung und Lebensgenuss ihren Alternativ- oder gar Konfrontationscharakter verloren. Fast erdrutschartig ist inzwischen der Anteil der Hedonisten, die „nur“ ihr Leben genießen wollen, zurückgegangen: Von 33 Prozent im Jahr 1992 über 27 Prozent im Jahr 2000 auf 10 Prozent im Jahr 2007. Lust ohne Leistung findet immer weniger Anhänger.

2030 kann die Leistungsexplosion der jungen Generation einen Höhepunkt erreichen. Über zwei Drittel (68%) werden dann ihren Lebenssinn in der Arbeitsleistung suchen – doppelt so viele wie 1986. Leistung macht wieder Spaß und schafft Sinn zugleich. Opaschowski: „Politik und Wirtschaft sollten sich rechtzeitig auf den sich ankündigenden Wertewandel in Richtung auf eine neue Gleichgewichtsethik einstellen und mehr fließende Übergänge zwischen Berufs- und Privatleben schaffen. Die junge Generation will im Leben etwas leisten und zugleich das Leben genießen. Leistungslust heißt das Lebenskonzept der jungen Generation im 21. Jahrhundert, die in ihrem Leben weder überfordert noch unterfordert werden will.“

Die Frauen kommen.
Die Arbeitswelt wird weiblich

Noch 1970 waren gerade einmal ein gutes Drittel (37%) der Erwerbstätigen in Deutschland Frauen. 2010 werden es etwa 47 Prozent sein. Und 2030 können die Männer im Erwerbsprozess erstmals zur Minderheit werden (Männer: 48% - Frauen: 52%), wenn die Qualifizierungsoffensive der Frauen weiter anhält. Denn vom Qualifikationswandel im Bildungssystem bis zum Beschäftigungswandel in der Arbeitswelt ist es nicht mehr weit: Heute sind über fünfzig Prozent der Gymnasial- und Hochschulabsolventen weiblich. Doch in den Chefetagen dominieren bei gleicher Qualifikation noch immer die Männer. In zwanzig Jahren werden aufgrund höherer Qualifikation die Frauen in den Führungspositionen ebenso erfolgreich und anerkannt sein.

„Weil immer mehr hochqualifizierte Frauen nach oben wollen und 2030 dort auch ankommen, wird die Luft für männliche Karrieren dünner. Dies wird nicht ganz konfliktfrei verlaufen“, so Professor Opaschowski. „Denn beide Geschlechter sehen sich mit einer doppelten Vereinbarkeitskrise konfrontiert: Zur Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gesellt sich die Frage der Vereinbarkeit von Frauen- und Männerrollen. Rollenwechsel sind angesagt: Wer ‚spielt’ in Zukunft die Hauptrolle des Versorgers und wer die Nebenrolle des Zuverdieners? Statuskämpfe nach oben und nach unten werden zum Alltag in der Partnerschaft gehören.“ 2030 kommt die Emanzipation auch in der Arbeitswelt an.

Re-Start mit 50.
Die Wirtschaft braucht ältere Arbeitnehmer

Mit der älter werdenden Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren auch die Einstellung der Bevölkerung zu „Lebensmitte“ und „Lebensabend“ grundlegend verändert. Die offizielle Altersgrenze um 65 steht nur noch auf dem Papier: „Alt“ ist man nach Ansicht der Bevölkerung erst mit 72 Jahren. Und das neue Lebensideal der Deutschen ist nicht mehr die Jugendzeit, sondern die Lebensmitte um 40. Ein Ende des Jugendwahns zeichnet sich auch in den Betrieben ab. Die Älteren werden wieder wichtiger. Seit 2000 ist die Erwerbsquote unter den 50- bis unter 65-Jährigen von 54 auf 66 Prozent gestiegen. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten über 50 erreichte nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit 2007 sogar einen neuen Höchststand von 6,3 Millionen. Tendenz weiter steigend. Damit liegt Deutschland deutlich über dem EU-Durchschnitt. Mehr Ältere arbeiten nur in Schweden und Großbritannien.

Der demographische Wandel in der Gesellschaft wird in den nächsten zwanzig Jahren einen grundlegenden Beschäftigungswandel in der Arbeitswelt zur Folge haben. Dann heißt es nicht mehr: „Mit 50 zum alten Eisen“, sondern: „Re-Start mit 50!“ Die Wirtschaft braucht wieder ältere Arbeitnehmer. Vier von zehn Erwerbspersonen werden im Jahr 2030 älter als 50 Jahre alt sein. „Die 50plus-Generation bekommt ihre zweite Chance. Die Best Ager werden als unverzichtbare Mitarbeiter wieder entdeckt und sind nicht mehr nur als Kunden und Konsumenten (‚Master Consumer’) interessant.“, so der Wissenschaftliche Leiter der BAT-Stiftung.

Die Wirtschafts- und Arbeitswelt kann von der doppelten Erfahrung – der Lebens- und der Berufserfahrung der Älteren – profitieren. Gelassenheit und Beständigkeit halten wieder mehr Einzug in das Arbeitsleben. Dabei handelt es sich um bewährte Lebensgrundsätze wie z.B. Ziele beharrlich verfolgen, Tempo und Hektik relativieren, Persönliches und Professionelles miteinander verbinden sowie Fehlerursachen erkennen und aus Fehlern lernen. Jüngere lernen wieder mehr durch das Vorleben der Älteren, was sie zum Mit-, Nach- und Selbermachen anregt. Jüngere wollen natürlich auch in Zukunft ihre eigenen Erfahrungen machen und nicht einfach nur aus den Fehlern anderer lernen. Aber im Berufsleben heißt es immer öfter: Von den Älteren lernen. Und auch: Mit den Älteren lernen.

Freiwillig über 65 hinaus arbeiten.
Statt Altersarmut die Rente aufstocken

Die Einstellungen zu Rente und Altersgrenze verändern sich grundlegend. Stiftungsleiter Opaschowski: „Die gesetzliche Altersgrenze mit 65 wird von immer mehr Menschen als Zwangsrente mit Fallbeilcharakter empfunden. Die Bundesbürger wollen daher in Zukunft ihre Altersgrenze selbst bestimmen und den Übergang in den Ruhestand flexibel gestalten.“ Fast drei Viertel (73%) aller Berufstätigen in Deutschland sind heute schon bereit, freiwillig über das 65. Lebensjahr hinaus zu arbeiten, wenn sie dadurch ihre Rente aufstocken können. Dieser Wunsch nach Rentenerhöhung und Zuverdienst wird von allen Berufsgruppen geäußert – von Arbeitern (78%) etwas mehr als von Angestellten und Beamten (70%) oder Selbstständigen (71%). Die Beschäftigten wollen einerseits mehr Geld zum Leben haben, aber auch im Alter weiter gebraucht werden. Sie fordern mehr Möglichkeiten zur individuellen Lebensarbeitszeitgestaltung und weniger gesetzliche Zwangsverrentung.

Die Arbeitnehmer haben ganz klare Vorstellungen, wie Beschäftigungs- und Zuverdienstmöglichkeiten in Zukunft geregelt werden können. Jeder fünfte Arbeitnehmer (22%) ist über das 65. Lebensjahr hinaus weiter an Vollbeschäftigung interessiert – mit vollem Lohn und gleichzeitiger Erhöhung der Rente bei späterem Eintritt in das Rentenalter. Und die Hälfte aller Berufstätigen (51%) würde gerne auch im höheren Alter teilzeitbeschäftigt bleiben: Unter der Voraussetzung allerdings, dass sie unbegrenzt hinzuverdienen kann – ohne Abzüge bei ihrer Vollrente.

Die gesetzliche Rente reicht in Zukunft nicht mehr aus, um Altersarmut zu verhindern. Die politische Konsequenz ist klar: Der beste Weg zur Bekämpfung von Altersarmut ist eine möglichst lange Vollbeschäftigung, weil aus der gesetzlichen Rente allein der gewohnte Lebensstandard nicht mehr gehalten werden kann. Bei einem sinkenden Rentenniveau in den nächsten Jahren wird eine wachsende Zahl von Älteren weiter arbeiten müssen und wollen. Nur eine Minderheit (11%) lehnt jede weitere Beschäftigung über die gesetzliche Altersgrenze hinaus ab mit dem Hinweis, „gut vorgesorgt“ zu haben und „keine Not“ leiden zu müssen. Eines aber ist allen Berufstätigen gemeinsam: Sie wollen – mit oder ohne Bezahlung – bis ins hohe Alter gebraucht werden und beschäftigt sein, um etwas zu leisten oder sich mehr leisten zu können.

Lebenswandel.
Junge Generation will wieder Ehe, Kinder und Familie

Konsum statt Kind? Das Geld, das Kinder kosten, lieber selbst ausgeben? Das war einmal. In den achtziger und neunziger Jahren wollte die junge Generation im Alter bis zu 34 Jahren immer weniger von Kindern und Familiengründung wissen (1985: 58% - 1994: 53% - 1999: 52%). Jetzt ist eine Trendwende feststellbar: Nicht mehr Sport, Hobby und Urlaubsreisen stehen im Zentrum des Lebens, sondern Ehe, Kinder und Familie – mit steigender Tendenz (2003: 56% - 2008: 67%). Beständigkeit ist wieder gefragt. Irgendwann hört der Spaß von Freiheit und Unabhängigkeit auf, wenn die Sinnfrage unbeantwortet bleibt. Der Trend zur Individualisierung des Lebens hat seinen Zenit überschritten. Die Mehrheit der jungen Leute entdeckt den Wert von Verlässlichkeit wieder. Sie erkennt, dass die Sorge um die Familie und die eigenen Kinder auf Dauer mehr persönliche Lebenserfüllung gewährt, als wenn man immer nur an sich selbst denkt.

Opaschowski: „2030 wird die Familie kein Auslaufmodell sein. Und Konsum oder Kinder ist dann auch keine wirkliche Alternative mehr. Wenn sich die Einstellungsänderungen der jungen Generation weiter stabilisieren, werden vielleicht schon im Jahr 2020 drei Viertel der jungen Leute für die Gründung einer eigenen Familie votieren. Und im Jahr 2030 können es achtzig Prozent der unter 34-Jährigen sein, die sich vom Singledasein und der Kinderlosigkeit verabschieden.“

So zeichnet sich ein grundlegender Einstellungswandel ab, der sich allerdings nur langsam entwickelt und nicht von heute auf morgen demographische Veränderungen zeigen wird. Dafür sprechen vor allem die noch immer großen Vorbehalte der jungen Männer, die deutlich mehr als junge Frauen Wert auf ihre persönliche Freiheit legen (55% – junge Frauen: 37%) und weniger daran glauben, dass auch im Familienleben genügend Zeit für persönliche Interessen bleibt (39% - junge Frauen: 60%). In der Einstellung zur Familiengründung gibt es zwischen beiden Geschlechtern große Unterschiede, die wohl noch eines Zeitraums von einer Generation bedürfen, bis sie sich um 2030 spürbar annähern werden.