Forschung aktuell, 291, 42. Jg., 10.06.2021

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Das Umweltverhalten der Deutschen:
Engagiert, pragmatisch, konkret

Das Thema Klimawandel rückt immer stärker in das Bewusstsein der Bundesbürger. Fast drei von vier Bundesbürgern sind aktuell bereit, spürbare Einschränkungen in ihren Konsum- und Lebensgewohnheiten hinzunehmen, wenn dadurch Natur und Umwelt dauerhaft erhalten bleiben. Innerhalb der Bevölkerung sind es vor allem die jungen Erwachsenen und Ruheständler, die dieser Aussage zustimmen. Jeder vierte Bürger möchte hingegen weiterhin seine Freiheit und Unabhängigkeit behalten und das Leben genießen, auch wenn dadurch die Umwelt nachhaltig beeinträchtigt wird.

Doch was genau treibt die Deutschen an, sich umweltschonend zu verhalten? Ist es die Einsicht, dass es nicht ohne Verhaltensänderung geht, oder sind es auch das schlechte Gewissen und der gesellschaftliche Zwang? Das untersucht die gemeinnützige BAT-Stiftung für Zukunftsfragen in ihrer aktuellen Umweltstudie, für die über 3.000 Personen ab 18 Jahren repräsentativ zu ihrem Umweltverhalten befragt wurden.

Drei von vier Bürgern zu Einschränkungen bereit

Von je 100 Befragten stimmen folgender Aussage zu:

 Möchte Freiheit u. Unabhängigkeit behalten und das Leben genießen,
auch wenn dadurch die Umwelt nachhaltig beeinträchtigt wird
Bin bereit, spürbare Einschränkungen hinzunehmen,
wenn dadurch Natur und Umwelt erhalten bleiben
Gesamt 20182971
Gesamt 20212773
   
Junge Erwachsene (18-24 Jahre)2377
Singles (25-49 Jahre)3268
Paare (25-49 Jahre)3070
Familien (25-49 Jahre)2674
Jungsenioren (50-64 Jahre)3565
Ruheständler (65+ Jahre)1783

Der Klimawandel findet nicht mehr nur abstrakt in der medialen Berichterstattung statt, sondern er ist ein Alltagsthema geworden. Ob beim Lebensmitteleinkauf, der Urlaubsplanung oder bei technischen Neuanschaffungen – zunehmend mehr Bundesbürger informieren sich über Lieferketten und Inhaltsstoffe, diskutieren über Alternativen, hinterfragen mitunter das eigene Verhalten und ändern daraufhin sogar ihre Prioritäten.

Die Annahme, sich ein ökologisches Leben finanziell nicht leisten zu können, hat dabei zwar weiterhin Bestand, verliert jedoch zunehmend an Gültigkeit. Geht es doch nicht mehr nur um Bio-Lebensmittel, Öko-Spielzeug oder nachhaltige Mode, sondern auch um den Verzicht auf Flugreisen, das Nutzen statt Besitzen, Re- und Upcycling sowie regional statt international zu konsumieren.

Die große Mehrheit der Bevölkerung ist zu zahlreichen persönlichen Einschränkungen bereit bzw. praktiziert diese schon. So möchte beispielsweise nur jeder Sechste nicht auf Ökostrom umstellen und bloß jeder Vierte hat kein Interesse an der Sharing Economy.

Umweltschutz

Was die Deutschen machen und wozu sie nicht bereit sind

Von je 100 Befragten sagen zu folgenden Maßnahmen:

 Dazu bin ich nicht bereitDazu wäre ich bereitMache ich bereits
Mülltrennung63065
Auf Plastiktüten verzichten63064
Energiesparlampen benutzen73064
Regionale Lebensmittel kaufen84448
Mehr Recyclingprodukte nutzen95536
Stand-by Modus ausschalten123751
Alte Geräte gegen umweltschonende tauschen145234
Umstellen auf “Ökostrom”185330
Weniger mit dem Flugzeug fliegen193151
Solarzellen auf dem Hausdach236710
Mehr Produkte teilen255223
Kauf von Bio-Produkten283637
Weniger Fleisch essen292943
Im Winter weniger heizen332939
Weniger heißes Wasser verwenden342838
Mieten statt kaufen405010
Mehr ÖPNV nutzen403327
Urlaub nur noch in Deutschland443026
Hybrid-/E-Auto kaufen, auch wenn es teurer ist48475
Spenden für Umweltschutzmaßnahmen543214
Auf ein Auto verzichten572023
Staatl. Regulierung des Energieverbrauchs59374
In Umweltschutzorganisationen mitarbeiten65314
Einführung einer Klimasteuer akzeptieren68302

Doch sind die Deutschen auch bereit, auf das eigene Auto vor der Haustür oder den Urlaub in weiter Ferne zu verzichten? Professor Dr. Ulrich Reinhardt, wissenschaftlicher Leiter der BAT-Stiftung: „Die Bürger möchten zweifellos die Umwelt schonen. Jedoch möglichst pragmatisch und ohne viele Kompromisse beim eigenen Lebensstandard oder der Lebensqualität. Aus diesem Grund sind derzeit vor allem die Maßnahmen erfolgreich, die auf der Substitution von Gütern basieren.“

So ist bpsw. die Bereitschaft, auf Ökostrom zu wechseln, Energiesparlampen zu nutzen oder faire Lebensmittel im Supermarkt zu kaufen, recht hoch, da das nicht den eigenen Lebensstil verändert, aber ein gutes Gefühl gibt und zudem das Gewissen beruhigt.

Nicht mehr in den Urlaub fahren, außerhalb der Großstadt auf ein eigenes Auto verzichten, sich aktiv im Alltag in einer Umweltorganisation engagieren oder mehr Geld für eine Klimasteuer und Spenden ausgeben sind hingegen Maßnahmen, die das eigene Leben deutlich stärker beeinflussen würden, und entsprechend zurückhaltend äußert sich die Bevölkerung.

Als Fazit hält Reinhardt fest: „Die meisten Bundesbürger sind bereit mitzuhelfen, den Klimawandel zu stoppen, jedoch sollen die persönlichen Einschränkungen dabei möglichst gering sein. Zwingend erforderlich sind daher weiterhin Maßnahmen von Politik und Wirtschaft ebenso wie von Medien und Wissenschaft, um durch Rahmenbedingungen, Berichterstattungen, Aufklärung, Innovationen und konkrete Lösungsvorschläge den Wandel zu einem grünen Alltag für die breite Bevölkerung so leicht wie möglich zu gestalten.“