Der Freizeitbrief, 5, 1. Jg., August 1980

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Singles: Ideale Freizeitkonsumenten

    Singles: Ideale Freizeitkonsumenten

    Erste Ergebnisse einer neuen Studie

    „Singles könnten die Erfinder der Wegwerfgesellschaft gewesen sein. Unter dem Motto 'Öfter mal was Neues' sind sie die idealen Konsumenten der sogenannten Freizeitindustrie.“

    Zu diesem Ergebnis kommt das BAT Freizeit-Forschungsinstitut mit einer kürzlich in Auftrag gegebenen Pilot-Studie zum Freizeitverhalten der Singles.

    Mit Singles bezeichnet man alleinlebende Erwachsene. Die Untersuchung unterscheidet zwischen vier verschiedenen Grundtypen. Die erste Gruppe sind Singles, die noch alleine leben. Sie umfaßt Personen bis zum Alter von etwa 30 Jahren, die beruflich noch wenig fixiert sind, im sozialen Bereich häufig eine große Aktivität entfalten und die von einer starken Affinität zum Elternhaus geprägt sind. Typisch für diese Gruppe sind auch die Vielzahl flüchtiger Kontakte und die Tendenz zum häufigen Ortswechsel.

    Die zweite Gruppe sind Singles, die wieder alleine leben (z. B. nach einer auseinandergegangenen Zweierbeziehung). Sie sind oft geprägt von einem deutlichen Frustrationserleben. Im Gegensatz zur ersten Gruppe weisen sie meist passivere gedämpftere Züge auf. Auch der Wieder-Single entdeckt das Elternhaus erneut und intensiviert den Kontakt zur Familie.

    Zahlenmäßig seltener, als allgemein angenommen wird, dürften Singles sein, die aus Überzeugung alleine leben. Sie zeichnen sich oft durch ein höheres Bildungsniveau aus und betrachten sich als Vorkämpfer für neue und bessere Lebensformen. Auch für diesen bewußten Single gelten allerdings die Kernprobleme der Gesamtgruppe. Denn er hat seine Lebensform nicht ganz freiwillig und schon gar nicht nur aufgrund rationaler Überlegungen gewählt.

    Die vierte Gruppe schließlich sind Personen, die aus Altersgründen wieder Single geworden sind. Die Studie des BAT Freizeit-Forschungsinstituts beschränkte sich auf die ersten drei Gruppen.

    Das psychologische Dilemma

    Besonders in der Freizeit befinden sich Singles in einem psychologischen Dilemma. Einerseits wollen sie ihre Identität festigen, sich als Individuum profilieren, aber andererseits genießen sie auch den inneren Schwebezustand, die Vorteile des Noch-nicht-Verfestigten. Diese Schwankungen zwischen zwei Polen lassen das Single-Leben unruhig, punktuell, flüchtig, manchmal ein bißchen oberflächlich erscheinen. Natürlich beeinflußt dieser Konflikt auch die Verhaltensweisen.

    Singles, so die Studie, sind zwar in ihrem Freizeitkonsum nicht wahllos, aber sie schwelgen genüßlich in den schillernden Angeboten des Marktes. Das gilt für Produkte und für Dienstleistungsbereiche im weitesten Sinne, also Lokale, Sportangebote, Reiseveranstaltungen. Chancen haben solche Angebote, die zur eigenen Profilierung beitragen und die Person attraktiver, interessanter und (scheinbar) individueller machen. Auffallend ist auch der Hang zum Extravaganten und Exklusiven. „Öfter mal was Neues“ könnte die Devise der Singles sein. Die hohe Frequenz von Anschaffungen und Unternehmungen ist dafür kennzeichnend.

    Ausgefallen und häufig mit einem Hauch von Abenteuer und Exotik versehen sind die Hobbys: Motorradfahren, Fliegen, durch „wilde Landschaften“ wandern, Kanufahren usw. Freizeitaktivitäten also, von denen ein familiärer Typ meistens nur träumen kann. Bei den gewählten Sportarten handelt es sich oft um Einzelaktivitäten, die kein besonderes soziales Umfeld erfordern.

    Offene Persönlichkeitsstruktur

    Singles neigen dazu - und das gilt für alle drei der untersuchten Gruppen - ihre Persönlichkeitsstruktur offen, gleichsam fließend zu halten. Sie wollen keine festen Grenzen ziehen, sich nicht endgültig definieren. Sie wollen charakterlich eher anonym bleiben. Um Struktur, Form und Konkretheit für sich und andere zu erhalten, bedient sich der Single bevorzugt äußerer Attribute.

    Diese Lust an einem glänzenden Äußeren hat jedoch auch ihre Schattenseiten. Die Ich-Bezogenheit der Singles, die scheinbare Ungebundenheit, steht der Einsamkeit gegenüber. Viele der hektischen Aktivitäten dienen nur dazu, den eigenen (und leeren) vier Wänden zu entfliehen. Eine Bezugsperson fehlt.

    Die Offenheit der Single-Persönlichkeit bietet die Basis für seine Mobilität und Flexibilität. Er hat im Prinzip ein größeres Reservoir an Verhaltensmöglichkeiten als ein „Familienmensch“, das er auch in der Praxis, also bei seinen Freizeitaktivitäten, ausnutzt. Anregungen zur alternativen Freizeitgestaltung fallen hier sicher auf fruchtbaren Boden. Zum „Stammkunden“ wird er bei seiner ständigen Suche nach Neuem allerdings nicht werden.