Der Freizeitbrief, 11, 2. Jg., Mai 1981

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Schwellenangst – die Freizeitbremse

    Schwellenangst – die Freizeitbremse

    Die Deutschen sind schüchterner als man denkt. Zu diesem Ergebnis kommen die Experten des BAT Freizeit-Forschungsinstituts in Hamburg.

    Überraschenderweise zeigte sich bei mehreren Befragungen, daß zwar der Wunsch nach mehr Abwechslung in der Freizeit vorhanden ist, die Initiative jedoch fehlt. Auf der anderen Seite wurden noch nie derart viele Freizeitmöglichkeiten angeboten und niemals zuvor war ein so großer Teil der Bevölkerung zeitlich und finanziell in der Lage, diese Angebote zu nutzen.

    Offenkundig wurde bei intensiveren qualitativen Untersuchungen, daß Schwellenangst eine der Hauptursachen ist. Viele trauen sich nicht durch fremde Türen, hinter denen unbekannte Menschen sitzen, die Neulinge vermeintlich feindlich anstarren. Der Angst, zurückgewiesen zu werden, steht die eigene Scheu, spontan Kontakte zu schließen, gegenüber.

    Dabei zeigen die Forschungsergebnisse deutlich das starke Bedürfnis nach neuen Kontakten. Gerade bei sportlichen Freizeitangeboten ließe sich dieser Wunsch leicht verwirklichen. Doch hier steht eine weitere Hürde im Weg, die Furcht vor der Blamage, dem Risiko oder dem sozialen Gefälle. Ähnlich ist es im kulturellen Bereich, wo häufiger zur Schwellenangst noch die Bequemlichkeit kommt. Bequemer ist, fernzusehen, anstatt Theaterkarten zu besorgen.

    Das Freizeit-Forschungsinstitut rät deshalb zu mehr Mut in der Freizeit, zu mehr Initiative und Unbekümmertheit, deren langfristiger Lohn eine intensiver und befriedigender genutzte Freizeit ist.

    Grundstein zum Alleinleben wird oft schon in der Kindheit gelegt

    Allein zu leben ist häufig keine freiwillige Entscheidung. Das gilt nicht nur für die Fälle, in denen eine Partnerschaft ungewollt endete. Vielmehr scheint das Alleinleben die Folge der persönlichen Entwicklung in der Kindheit zu sein.

    Wie das BAT Freizeit-Forschungsinstitut in psychologischen Untersuchungen bei über 300 AlleinIebenden herausfand, ist für die Mehrzahl der Alleinlebenden eine starke Mutterbindung charakteristisch. Dies gilt insbesondere für Unverheiratete im Alter bis zu 35 Jahren, einem Kreis von Alleinlebenden also, der sich früher als „ewige Junggesellen“ bezeichnete und heute „Singles“ nennt.

    Die Phantasiewelt vieler Alleinlebender ist überflutet von Mutterbildern und Weiblichkeitssymbolen. Auffallend ist die Dominanz und Größe dieser Frauengestalten, die Alleinlebenden erleben sich ihnen gegenüber als schwach, ja fast kindlich. Dieses Empfinden geht meist auf eine frühkindliche Fixierung an die Mutter zurück, die sie in die Rolle des „ewigen Kindes“ drängte. Aus dieser Haltung heraus, resultieren eine Reihe von Folgephänomenen im Lebensgefühl und Freizeitverhalten von Alleinlebenden:

    • Alleinlebende haben einen Hang zum Nicht-Festlegen.
    • Alleinlebende befanden sich in ihrer Kindheit häufig in der Rolle des Außenseiters. Diese Sonderrolle spielen sie später - mehr oder weniger unbewußt - weiter. Sie umgehen familiäre Bindungen und weichen auch in Beruf und Freizeit gerne jeden Rollenvorgaben aus.
    • Alleinlebende legen weniger Wert auf eine starke Ausprägung der Geschlechtsrollen. Sie zeigen Mischungstendenzen bis hin zu konturarmen Formen „sanfter Männer“ oder „harter Frauen“.
    • Alleinlebende sehen sich in der ständigen Gefahr, ihre Eigenständigkeit zu verlieren. Vor diesem Hintergrund ist auch ihre starke Sensibilisierung gegen jede intime Zweierbeziehung psychologisch verständlich.
    • Alleinlebende bleiben ein Leben lang an ihr Elternhaus gebunden. Auch in ihrer Freizeit ist die Familie gefühlsmäßig allgegenwärtig. Sie gewährt Nähe, Wärme und Geborgenheit. Insbesondere an Sonntagen wird die Familie zum seelischen Lückenbüßer, der innere Gefühlsmängel ausgleicht. Lieber leiden Alleinlebende unter dem Druck der Familie, als daß sie auf den intensiven Genuß der Nestwärme verzichten. Im Elternhaus tanken sie emotional auf.

    Freiheit und Unabhängigkeit über alles, Aktivität und Unternehmungslust, Mutterbindung und Sehnsucht nach Geborgenheit: Dies sind zentrale Lebensgefühle von Alleinlebenden. Sie schwanken zwischen euphorischen Freiheitsgefühlen und Einsamkeitsängsten.