Der Freizeitbrief, 30, 3. Jg., Dezember 1983

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Neue BAT Studie „Freizeit im Ruhestand“

    Neue BAT Studie „Freizeit im Ruhestand“

    Ruhestand 1983: Der Rentnerstreß ist eine Legende
    Die neue Freiheit hat zwei Gesichter

    „Kommt Zeit, kommt Rat“ heißt die Maxime, nach der sich die meisten Ruheständler auf das Dasein nach dem aktiven Erwerbsleben vorbereiten. Wie aus der neuen repräsentativen Untersuchung des BAT Freizeit-Forschungsinstituts „Freizeit im Ruhestand“ hervorgeht, scheint dies nicht unbedingt der schlechteste Weg zu sein. 90 % der Ruheständler finden so etwas wie ein „bescheidenes Glück“, obgleich sie mit gemischten Gefühlen zwischen Vorfreude und Sorge den neuen Lebensabschnitt beginnen.

    Der Weg dahin ist nicht immer leicht. Die neue Freiheit bringt zunächst keinen Streß mehr, keinen Zeitdruck, dafür Ruhe und endlich Muße. Aber die Schwierigkeiten, mit der neuen Lebensphase zurechtzukommen, lassen nicht lange auf sich warten.

    Der größte Traum heißt Reisen

    In den Interviews der Studie fällt das Wort von der Angst vor der plötzlichen Leere, vor Langeweile und Depression. Man hat nur für die Arbeit gelebt, sich nicht genügend auf die Zeit danach eingestellt. Vor allem hat man Träume. Nachholbedürfnisse melden sich in vielerlei Lebensbereichen. Der größte Traum heißt Reisen. Und dabei wünscht man sich nicht nur, mehr unterwegs zu sein, sondern eine Weltreise als Krönung aller bisherigen Freizeitunternehmungen. Die Reiseidee hat sich verselbstständigt. Sie ist zum Symbolträger geworden, für alles, was das Leben lebenswert macht, Abenteuer, Mobilität, Erotik, Glück.

    In der BAT-Studie wird andererseits deutlich, daß Furcht vor späterer Enttäuschung die Erwartungen niedrig hält und große Bereitschaft besteht, sich mit der Wirklichkeit des Ruhestands abzufinden. Schon bald werden die zwei Gesichter der neu gewonnenen Freiheit erkannt: die Befreiung von der Arbeit und die Notwendigkeit, mit der schier unbegrenzten Zeit etwas Sinnvolles anzufangen.

    Der Rentnerstreß ist eine Legende

    Für die Eigenverantwortlichkeit des gesamten Tagesablaufs sind die Ruheständler zunächst schlecht gerüstet. Viele verhalten sich erst einmal wie im Urlaub. Lange schlafen, ausgiebig Zeitung lesen, gemütlich frühstücken sind die allerliebsten Beschäftigungen.

    Schon bald versucht man, der totalen Freizeit eine feste Form zu geben. Stundenpläne, die deutliche Trennung von echter Freizeit und sonstigen Verpflichtungen wie Hausarbeit, Einkaufen, Behördengänge, werden eingeführt. Die Freizeit entwickelt sich zu einer ernstzunehmenden Sache, die man nicht dem Zufall überlassen darf. Die Alltagsroutine des Ruhestands beginnt und mit ihr eine gewisse Zufriedenheit mit sich und der Welt. Der vielzitierte Rentnerstreß offenbart sich als Legende.

    Eine Generation ohne Namen

    Das durchschnittliche Eintrittsalter in den Ruhestand liegt heute bei 58 Jahren. Und die Gruppe derjenigen, die weit vor dem offiziellen Rentenalter von 65 Jahren aus dem Erwerbsleben ausscheiden, wächst mindestens so schnell wie ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung. Schon 1985 wird jeder siebte Bundesbürger zwischen 55 und 65 Jahre alt sein.

    Im Mittelpunkt der neuen BAT-Studie stehen Untersuchungen und Analyse dieser rasch zunehmenden Gruppe, die zwar „zu alt“ für das Erwerbsleben, jedoch noch zu unruhig für überliefertes Ruhestandsverhalten ist. Hier entsteht so etwas wie eine neue Generation zwischen Lebensmitte und Lebensabend, fit und jung genug und mit genügend Zeit, Versäumtes nachzuholen oder gar Neues zu beginnen. Es ist eine Generation (noch) ohne Namen. Ihre Existenz, die neue nachberufliche Lebensphase, ist ein Novum in der modernen Industriegesellschaft. Für diese Generation ist Arbeit nicht mehr das ganze Leben.

    Das zeigt sich schon bei den Erwartungen an den Ruhestand, die wesentlich anspruchsvoller sind, als bei den „klassischen Rentnern“. Viel mehr als diese träumen sie nicht so sehr von den Dingen, die sie „später“ einmal verwirklichen wollen. Sie haben ungleich bessere Chancen, die neue Freiheit zu genießen. Hobbies zu intensivieren, Reisen wirklich zu machen. Die neue Generation verfügt auch über mehr Zeit und Energie, etwas Neues zu unternehmen oder vielleicht einen Zweitberuf zu beginnen.

    Auch ihre Erwartungen an die Gesellschaft sind andere. Sie wehren sich dagegen, auf den Ruhestand vorbereitet zu werden, als seien sie bereits hilflos. Sie fordern nicht, daß andere etwas für sie tun. Sie trauen sich selbst noch etwas zu, weil sie „mitten im Leben“ stehen und nicht auf dem Altenteil sitzen. Sie wollen nicht alt gemacht werden, ohne wirklich alt zu sein.

    Die BAT-Untersuchung zeigt deutlich, daß die eigentliche Identität dieser neuen Gruppe sich noch formen muß. Zugleich stellt sich die Frage, ob unsere Gesellschaft es sich leisten kann, eine ganze Generation vorzeitig in den Ruhestand zu schicken, anstatt ihre menschlichen und beruflichen Erfahrungen weiterhin zu nutzen.

    Technische Daten der Untersuchung

    Die Untersuchung basiert auf einer Befragung von 450 Rentnern und Pensionären, die nicht jünger als 58 und nicht älter als 68 Jahre sind, und mindestens ein Jahr, höchstens drei Jahre im Ruhestand leben.