Der Freizeitbrief, 61, 8. Jg., 15.09.1987

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Mehr Freizeit , weniger Arbeit – was tun?

    Mehr Freizeit , weniger Arbeit – was tun?

    Wie sich die Bundesbürger ihr Leben nach dem Jahr 2000 vorstellen

    Die wachsende Freizeit verändert die Wertvorstellungen der Deutschen. Immer mehr Menschen suchen durch Freizeitaktivitäten ihrem Leben jenseits von Arbeit und Beruf neuen Sinn und Inhalt zu geben. Und mit Blick in die Zukunft sagen nur 3 Prozent der Bundesbürger: „Ohne Berufsarbeit kann ich nicht leben.“ Dies ist ein Ergebnis der neuen Untersuchung des BAT Freizeit-Forschungsinstituts, in der 2000 repräsentativ ausgewählte Personen im gesamten Bundesgebiet nach ihren Vorstellungen über wesentliche Lebensinhalte in der Zukunft befragt wurden.

    Für das Leben nach dem Jahr 2000, in dem erheblich weniger gearbeitet und mehr Freizeit zur Verfügung stehen wird, haben die meisten Bundesbürger schon heute ganz konkrete Vorstellungen. Nach Angaben des BAT Instituts will sich jeder zweite Deutsche (51 %) intensiver seinen Hobbys widmen. Man will sich mehr um Familie (45 %) und Freunde (41 %) kümmern, daneben aber auch Zeit und Muße für sich selber finden (43 %). Doch nicht nur die Intensivierung traditioneller Freizeitbeschäftigungen wie Reisen, Sport oder Gartenarbeit wurden von den Befragten genannt. Vielmehr ist auch mit verstärktem sozialen Engagement, mit mehr Bereitschaft zu ehrenamtlichen Tätigkeiten zu rechnen. Und letztlich würde fast jeder zehnte Bundesbürger in seiner freien Zeit Lehrveranstaltungen an Universitäten besuchen wollen.

    Die Freizeitforscher der BAT ermittelten vier Lebensbereiche, in denen eine neue Sinnerfüllung auch bei erheblich weniger Arbeit gesucht wird: Mehr Zeit für sich - Mehr Zeit für andere - Mehr Zeit zur Weiterbildung - Mehr Zeit zum Tätigsein.

    Mehr Zeit für sich

    20 Millionen Bundesbürger haben die Hoffnung, in Zukunft endlich mehr Zeit und Muße für sich selbst zu finden. Dies gilt besonders für zeitlich stark beanspruchte Berufsgruppen wie Selbständige und Freiberufler (60 %), Leitende Angestellte und Höhere Beamte (59 %). Während in der entsprechenden Altersgruppe der 35-54-jährigen jeder zweite Befragte von der Muße träumt, ist es bei den Jüngeren nur jeder dritte. Hier richten sich die Zukunftshoffnungen auf mehr Zeit für Hobbys (63 %) und Sport (48 %) sowie den Wunsch, auf „selbstorganisierten Reisen“ die Welt kennenzulernen (53 %).

    Mehr Zeit für andere

    Soziale Bezüge werden künftig für die Sinnerfüllung des Lebens an Bedeutung zunehmen. In den Wünschen der Befragten dominieren dabei nach wie vor die Hinwendung zu Familie und zu Freunden. Aber bereits jeder sechste Bundesbürger will sich auch in der Nachbarschaftshilfe, in der Altenhilfe oder im Umweltschutz sozial engagieren, die Frauen (21 %) mehr als die Männer (12 %). Fast ebenso viele Bundesbürger sind bereit, freiwillig und ehrenamtlich in Organisationen, z.B. im Verein, in der Gemeinde oder beim Roten Kreuz mitzuarbeiten. Landbewohner zeigen sich für das ehrenamtliche Engagement deutlich aufgeschlossener (21 %) als Großstädter (11 %).

    Mehr Zeit zur Weiterbildung

    Der Kulturbereich könnte in Zukunft einer expansiven Entwicklung entgegensehen. Jeder vierte Bundesbürger würde das Mehr an Freizeit zum Opern-, Theater- und Museumsbesuch nutzen. Die motivationalen Voraussetzungen hierzu werden in der Schule geschaffen. Nur 15 Prozent der Volks- und Hauptschulabsolventen begeistern sich für solche Kulturangebote, aber die Hälfte der Befragten mit Abitur als Schulabschluß. Dies zeigt sich auch in der Frage nach der persönlichen Bildung. 40 Prozent der ehemaligen Abiturienten sehen in der Zukunft eine Chance für mehr „Persönlichkeitstraining“, für die Weiterbildung der eigenen Persönlichkeit. Hauptschulabsolventen zeigen hierfür ein deutlich geringeres Interesse (15 %).

    Die Zukunft könnte auch neuen Bildungsformen und Bildungsinstitutionen gehören. Jeder achte Bundesbürger würde gerne Seminare in Freizeit-, Ferien- und Sommer-Akademien besuchen. Das wären über 6 Millionen Bundesbürger, die sich insbesondere an Wochenenden und in der Ferienzeit kreativ in den Bereichen Zeichnen, Malen, Bildhauerei oder Musik betätigen wollen. Und auch die Universitäten würden zu neuen Aufgaben herausgefordert. So möchten über 4 Millionen Bundesbürger in ihrer Freizeit künftig Lehrveranstaltungen an der Universität besuchen.

    Mehr Zeit zum Tätigsein

    Die Bundesbürger waren in ihrer Freizeit noch nie so aktiv wie heute. Was mit „Do it yourself“ - Bewegung, aber auch Schwarzarbeit bereits Wirklichkeit ist, wird in Zukunft noch höher im Kurs stehen. Fast jeder Dritte stellt sich vor, viel im Garten zu arbeiten. Vor allem Arbeiter und Landbewohner (jeweils 22 %) wollen in Zukunft das Mehr an Freizeit für „do it yourself“ und Heimwerken nutzen. 9 Prozent der Bevölkerung wollen im Freundes- und Bekanntenkreis handwerklich tätig werden und jeder zwölfte Bundesbürger stellt sich vor, in der Zukunft einer beruflichen Nebentätigkeit nachzugehen (8 %). Vor allem Leitende Angestellte und Höhere Beamte (19 %) träumen von einer Zukunft, die mit einem Zweitberuf ausgefüllt werden kann. In solchen Freizeitaktivitäten suchen und finden die Menschen das, was vielen beruflichen Tätigkeiten verlorengegangen ist: Sinnbezug, Eigenaktivität, Selbstdarstellung und Erfolgserleben.

    Lebenssinn Freizeit?

    In Politik und Wissenschaft wurde bisher weitgehend die Auffassung vertreten, Freizeit könne die Sinnkrise der Erwerbsarbeit als Folge des Strukturwandels in der Arbeitswelt nicht ausgleichen helfen. Die Ergebnisse der neuen BAT-Befragung zeigen jedoch deutlich, daß die überwiegende Mehrheit der Bundesbürger sich sehr wohl vorstellen kann, Lebenserfüllung auch im arbeitsfreien Teil des Lebens zu finden. Für die meisten Bundesbürger ist das Leben nicht mehr nur zum Arbeiten da. Die Freizeit, die auch als Sozial- und Bildungszeit empfunden wird, rückt zunehmend in den Mittelpunkt der Lebensorientierung.

    „Eine Umbewertung des Lebenssinns zeichnet sich ab“, so Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, der Leiter des BAT-Instituts. „Während die Politiker noch an der Definition von Arbeit als oberstem Lebenszweck festhalten, sind die Bürger schon einen Schritt weiter. Sie wollen die Freude an der Arbeit behalten, aber auch mehr Zeit für ihre persönlichen Freizeitinteressen haben. Eine Gesellschaftspolitik, die sich als aktive Freizeitpolitik versteht, sollte die Voraussetzungen dafür schaffen, daß die Bürger ihre vielfältigen Freizeitinteressen und Wünsche an die Zukunft auch verwirklichen können.“