Der Freizeitbrief, 68, 9. Jg., 07.04.1988

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Neues Freizeitverständnis: Mehr Spaß als Erholung

    Neues Freizeitverständnis: Mehr Spaß als Erholung

    Freizeit und arbeitsfreie Zeit sind nicht mehr dasselbe

    Das Freizeitverständnis hat sich grundlegend gewandelt. Quantitativ und qualitativ unterscheidet sich die Freizeit heute von früheren Freizeitformen. Auch gegenwärtig findet Erholung von der Arbeit in der Freizeit statt, aber die Freizeit ist nicht nur Erholungszeit. Für die überwiegende Mehrheit der Bundesbürger hat die Freizeit einen eigenständigen Wert bekommen. So vertreten 70 % der Deutschen die Auffassung, daß Freizeit in erster Linie die Zeit ist, in der man tun und lassen kann, was einem Spaß macht. Dies geht aus einer Repräsentativerhebung des BAT Freizeit-Forschungsinstituts hervor, in der 2.000 Personen ab 14 Jahren nach ihrem persönlichen Verständnis von Freizeit gefragt wurden.

    Aus dem Freizeitbegriff der 50er Jahre, der Freizeit lediglich als Abwesenheit von der Arbeit definierte, entwickelte sich ein positives Freizeitverständnis: Freizeit ist eine Zeit, in der man „für“ etwas frei ist. Selbst der berufstätige Bundesbürger denkt bei der Frage nach seiner eigenen Freizeitdefinition weniger an Erholung vom Berufsstreß (46 %) als vielmehr erst einmal an den eigenen Spaß (72 %). Dies trifft in besonderer Weise für die jungen Leute im Alter von 14 bis 29 Jahren zu (78 %).

    Männer mit egoistischem Freizeitverständnis?

    Auffallende Unterschiede gibt es im Freizeitverständnis von Männern und Frauen. Männer denken in der Freizeit erst einmal an sich selbst: hier fühlen sie sich „frei und unabhängig“ (44 %) - die Frauen deutlich weniger (34 %). Und doppelt so viele Männer (34 %) wie Frauen (17 %) betrachten die Freizeit als eine Zeit, in der sie sich vom Berufsstreß erholen können. Umgekehrt empfinden Frauen deutlich mehr (37 %) als Männer (14 %) die Freizeit als eine Zeit, die von Haushaltspflichten und notwendigen Erledigungen entlastet ist.

    Frauen sind offensichtlich in ihren persönlichen Freizeitmöglichkeiten benachteiligt. Sie empfinden Freizeit weniger als Freiraum, den sie in eigener Regie gestalten können (36 %, Männer: 46 %). Geschlechts- und rollenspezifische Unterschiede wirken sich spürbar auf ihre Einstellung zur Freizeit aus. Die Doppel- und Mehrfachbelastung vieler Frauen in Beruf, Haushalt und Familie erklärt auch ihr etwas stärkeres Freizeitbedürfnis nach Ruhe und Entspannung (43 %, Männer: 39 %).

    Freizeit muß gesellschaftlich neu bewertet werden

    Dreißig Jahre Arbeitszeitverkürzung, in der sich allein die Urlaubsdauer von 10 auf 30 Tagen verdreifacht hat, sind an den Bundesbürgern und ihrer Einstellung zum arbeitsfreien Teil des Lebens nicht spurlos vorübergegangen.

    Für Prof. Dr. Horst  W. Opaschowski, den wissenschaftlichen Leiter des BAT Instituts, ist daher eine gesellschaftliche Neubewertung der Freizeit notwendig. Freizeit muß neu definiert werden, denn sie ist heute mehr als eine Arbeitspause, in der man sich für den nächsten Arbeitstag wieder fit macht. „Die Menschen wollen nicht mehr nur wissen, wovon sie leben, sondern auch, wofür sie leben“.