Der Freizeitbrief, 70, 9. Jg., 21.06.1988

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Unterwegs zur Freizeitstadt 2000

    Unterwegs zur Freizeitstadt 2000

    Was das Freizeitleben in der Stadt schon heute so attraktiv macht

    Stadtparks und Naherholungsgebiete, Fußgängerzonen und Einkaufspassagen, Cafes und Restaurants stehen in der Gunst der Bundesbürger ganz oben an. Traditionelle Kultureinrichtungen wie Oper, Theater und Konzert tragen hingegen weniger zur Freizeitattraktivität eines Wohnortes bei. Dies geht aus einer neuen Repräsentativumfrage des BAT Freizeit-Forschungsinstituts hervor, in der 2.000 Personen ab 14 Jahren 44 Freizeiteinrichtungen und -anlagen in ihrem Wohn- und Stadtumfeld bewerten sollten.

    Draußen im Freien zwischen Kontakt und Konsum

    Den höchsten Attraktivitätsgrad erreichten Grünanlagen und Stadtparks mit 85 Prozent Zustimmung, gefolgt von Naherholungsgebieten (80 %), Fußgängerzonen (79 %), Einkaufszentren und -passagen (76 %) sowie Restaurants (76 %) und Cafes (75 %). Favorisiert wurden Freizeitorte im Grünen, im Freien und in frischer Luft, aber auch kommunikative Treffpunkte beim Shopping oder Essengehen. „Was die Menschen an diesen Freizeitorten so fasziniert“, so Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, der wissenschaftliche Leiter des BAT Instituts, „ist das Gefühl von mehr Freiheit, von Zwanglosigkeit und Unverbindlichkeit: Niemand will etwas, niemand muß etwas tun“. Man genießt die unverbindlichen Kontakte, die zwanglose Unterhaltung und Geselligkeit. Entspannen und Erleben, Kontakt und Konsum sind die vier Grundpfeiler eines urbanen Lebensstils in der Freizeit.

    Natur und städtisches Grün gehören immer dazu. Dies erklärt auch die große Anziehungskraft von Tier- und Freizeitparks, von Fahrradwegen, Frei- und Hallenbädern, von Spielplätzen und öffentlichen Sportanlagen. Dabei fällt auf, daß beispielsweise Tierparks für Ruheständler eine größere Bedeutung haben als für Familien mit Kindern, Fahrradwege von der gesundheitsbewussten mittleren Generation der 35- bis 54jährigen besonders hoch eingeschätzt werden und Jugendliche vor allem auf Freibäder und öffentliche Sportanlagen Wert legen.

    Kulturelle Einrichtungen mehr für Stadtbesucher als für Stadtbewohner da?

    Im Freizeitleben der Bevölkerung haben kulturelle Einrichtungen am Wohnort wie Theater (53 %), Konzertsäle (44 %) und Oper (38 %) nur eine mittelmäßige Bedeutung. Kirche (57 %), Kirmes (65 %) und Kinos (58 %), Flohmärkte (59 %), Stadt- und Straßenfeste (68 %) werden deutlich höher eingeschätzt. Das geringe Ansehen der klassischen Kultureinrichtungen bei der Bevölkerung muß die Kommunalpolitiker nachdenklich stimmen, zumal ihnen der Nachwuchs immer mehr verloren geht. Fast jeder zweite Ruheständler kann sich für die Oper begeistern, aber nur noch jeder sechste 14- bis 17jährige Jugendliche. Auch die 20- bis 29jährigen finden die Oper nicht sonderlich attraktiv (29 %). Dies ist sicher mehr eine Frage der Preis- als der Programmpolitik. Denn Bücherhallen und Bibliotheken, Volkshochschulen und Museen werden von den jungen Leuten nach wie vor hoch eingeschätzt.

    „Im Verein ist Sport am schönsten“

    In der subjektiven Einschätzung der Bevölkerung hat der Werbeslogan „im Verein ist Sport am schönsten“ offensichtlich seine Berechtigung. Fast zwei Drittel der Bevölkerung (62 %) sprechen sich für den Freizeitwert der Sportvereine aus. Eine deutlich geringere Bewertung bekommen Fitness-Studios (46 %) und kommerzielle Sportzentren (44 %). Vor allem Befragte mit höherer Schulbildung (Abitur) können kommerziellen Fitness- und Sportzentren nur eine geringe Attraktivität (35 %) abgewinnen.

    Die Kommerzialisierung der Freizeit stößt bei einigen Einrichtungen auf überwiegende Ablehnung der Bevölkerung. Videotheken, Spielcasinos, Spielhallen und Sex-Shops stehen am unteren Ende der Beliebtheitsskala. So können sich zwei Drittel der Bundesbürger nicht für Videotheken begeistern. Und 79 Prozent halten die Spielcasinos, 83 % die Spielhallen für weniger attraktiv. Zwischen Spielcasino und Spielhalle machen die Befragten überraschenderweise wenig Unterschiede. Dieses Ergebnis scheint eher eine moralische Bewertung und weniger eine Frage von Äußerlichkeiten wie Ausstattung und Atmosphäre, Licht oder Luxus zu sein.

    Neue Anforderungen an kommunale Freizeitpolitik

    Die infrastrukturellen Voraussetzungen für die Freizeit der Bürger nachhaltig zu verbessern, muß eine wichtige Aufgabe der Landes- und Kommunalpolitik in den nächsten Jahren werden. Das sich verändernde Freizeitverhalten der Bundesbürger macht eine ressortübergreifende Freizeitpolitik notwendig, die Grün- und Bäderplanung, Sport- und Kulturpolitik miteinander koordiniert. Eine zukunftsbezogene Freizeitpolitik darf wirtschaftliche Interessen nicht aus dem Auge verlieren, sie muß sich aber nachdrücklicher als bisher zum Anwalt nichtkommerzieller Freizeitmöglichkeiten der Bürger machen. Eine bedarfsgerechte Freizeitinteressenpolitik ist zugleich eine wirksame Investitionspolitik für die Freizeit von morgen.