Freizeit aktuell, 88, 11. Jg., 12.02.1990

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Abschied von einem Wachstumsmarkt: Sind die Grenzen grenzenlosen Reisens erreicht?

    Abschied von einem Wachstumsmarkt: Sind die Grenzen grenzenlosen Reisens erreicht?

    Ergebnisse der BAT Urlaubsstudie 89/90

    Die Deutschen, oft als Weltmeister im grenzenlosen Reisen bezeichnet, stoßen immer mehr an die Grenzen ihrer Reisewünsche. Nur 19,5 Millionen  Bundesbürger haben sich im vergangenen Jahr 1989 eine längere Urlaubsreise von mindestens zwei Wochen geleistet. Dies waren lediglich 40 Prozent der Bevölkerung. Im Vergleich zu den vorausgegangenen Jahren 1988 (44%) und 1987 (47%) ergibt sich somit ein starker Rückgang von 4 bzw. 7  Prozentpunkten. Für die an Zuwachsraten gewöhnte Touristikbranche ist dies ein deutlicher Einbruch. Denn ein Rückgang von 4 Prozentpunkten heißt: rund 2 Millionen Urlaubsreisende weniger. Dies ist ein Ergebnis der jetzt vorgelegten Tourismus-Studie des B·A·T Freizeit-Forschungsinstituts auf Basis von 4.000 im Januar durchgeführten Interviews.

    Relativ stabil blieb in den letzten Jahren nur eine Reiseform: die kürzeren Reisen von 2 bis 13 Tagen Dauer. Wer sich keine 2-Wochen-Reise mehr  leisten kann, weicht auf diesen „zweiten Urlaubsmarkt“ aus, spart Geld und braucht dennoch auf Reisen nicht zu verzichten. Jeder siebte Bundesbürger (14 %) machte 1989 „nur“ kürzere Reisen (1988: 11 %). Dies waren 6,8 Millionen Deutsche.

    Einer Gesamtreiseintensität von 54 Prozent steht somit eine Nichtreiseintensität von 46 Prozent gegenüber. D.h. 22,5 Millionen Bundesbürger haben 1989 nicht einmal eine Kurzreise von mindestens 2 Tagen unternommen und sich mit Urlaub auf Balkonien begnügt.

    Aber auch wer verreisen konnte, mußte sich einschränken. Über drei Viertel der Bevölkerung (77 %) leisteten sich keine 3-Wochen-Reise mehr. Und drei von fünf Bundesbürgern (60 %) mußten auch auf eine 2-Wochen-Reise verzichten. Dazu Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, Leiter des BAT Instituts: „Schöne Ferien sind den Deutschen nach wie vor lieb, aber mittlerweile zu teuer geworden. Je mehr die politischen Grenzen fallen, umso mehr stoßen die Menschen auf die finanziellen Grenzen ihrer Reisefreiheit.“

    Deutschland: Der Deutschen liebstes Urlaubsland

    Deutschland bleibt das beliebteste Reiseziel der Bundesbürger. Jeder dritte Urlauber, der im vergangenen Jahr mindestens zwei Wochen verreiste, blieb innerhalb der deutschen Grenzen. Dabei rangierten Oberbayern/Allgäu (10 %) mit großem Abstand vor der Nordsee (6 %), dem Schwarzwald (5 %) und der Ostsee (3 %).

    Unverkennbar ist aber auch: So beliebt die deutschen Reiseziele sind – im Vergleich zum Vorjahr ging der Anteil der Inlandsreisenden von 37 auf 33 Prozent zurück. Die Nordsee und die südlichen Feriengebiete wie Pfalz, Bergstraße und Fichtelgebirge haben in der vergangenen Reisesaison einen Rückgang von jeweils 2 Prozentpunkten hinnehmen müssen. Demnach haben jeweils etwa 1 Million Urlauber weniger diese Regionen als Reiseziel gewählt. Auch die norddeutschen Feriengebiete abseits der Küste mußten Einbußen hinnehmen. Allein der Schwarzwald konnte einen leichten Zuwachs verzeichnen.

    Von dieser Entwicklung profitierten die ausländischen Reiseziele. Auch die DDR als Reiseziel für deutsche Urlauber konnte 1989 ihren Anteil von 1 auf 2 Prozent steigern. Die Hitliste der Auslands-Reiseziele wird jedoch nach wie vor von Spanien (16 %) angeführt. Lieblingsziel Nr. 2 und 3 sind Italien (12 %) und Österreich (10 %) mit deutlichem Vorsprung vor Jugoslawien (7 %), Griechenland (6 %), der Türkei und Frankreich (jeweils 5 %). Dabei war Griechenland der Hauptgewinner der Urlaubssaison '89: Das klassische Reiseland konnte die Zahl der deutschen Urlaubsgäste im Zeitraum 1988/89 von etwa 2 auf rund 3 Millionen steigern.

    1989: Wenig Reaktion auf Umweltprobleme

    1989 war für die Touristik ein Jahr großer Umweltprobleme. Wasserverschmutzung und Algenblühen ließen für die Urlaubssaison Schlimmes befürchten. Wie reagierten die Urlauber nun wirklich auf Umweltprobleme? Hierzu stellt die BAT Studie fest:

    • Jeder vierte Urlauber (25 %) informierte sich eingehend über die Umweltsituation am Urlaubsort. Allerdings spiegelt dieser Durchschnittswert nur unzureichend die tatsächliche Situation wider. Familien mit Kindern zeigten die höchste Sensibilität für Umweltprobleme (35 %), Singles (20 %) und Jugendliche (16 %) die geringste. Wer keine Verantwortung für andere zu tragen hat, reist offensichtlich am sorglosesten.
    • Zwei Drittel der Urlaubsreisenden (65 %), die sich eingehend über die Umweltsituation am Zielort informiert hatten, wollten dennoch von Beeinflussung nichts wissen. Sie haben sich in ihrer weiteren Urlaubsplanung dadurch nicht beeinträchtigen lassen.
    • Das übrige Drittel (34 %) aber räumte ein, die eigenen Urlaubsgewohnheiten verändert und beispielsweise nicht mehr im Meer gebadet zu haben oder gar woanders hingefahren zu sein. Konkret: Von 100 Urlaubsreisenden haben lediglich 3 ihre Gewohnheiten geändert und weitere 5 sind woanders hingefahren.

    Im Vergleich zum Vorjahr sind nicht die befürchteten großen Veränderungen feststellbar. Auch 1988 waren bereits 4 von 100, Urlaubern auf grund von Umweltproblemen woanders hingefahren. Aus einem veränderten Problembewußtsein folgt nicht schon ein anderes Verhalten. So legten z.B. 70 Prozent der Italienreisenden keinen Wert darauf, sich über die Umweltsituation am Ferienort eingehend zu informieren. Und auf das Bad im Meer haben gerade 5 von 100 Italienurlaubern verzichtet.

    Urlaubszufriedenheit: Nur die Preise störten

    Insofern wundert es nicht, wenn die Zufriedenheit der Deutschen mit der vergangenen Reisesaison außerordentlich groß ist. Auch im nachhinein waren nur 12 Prozent der Urlauber mit der Umweltsituation am Urlaubsort wirklich unzufrieden. Hingegen störte sich jeder vierte Reisende (23 %) an den Preisen und 13 Prozent fanden, daß die Feriengebiete zu überlaufen waren. Vor allem Spanienurlauber klagten über das Preis-Leistungsverhältnis (38 %) und die überfüllten Strände (27 %). Insgesamt bescheinigten die Bundesbürger jedoch dem Urlaub '89 die Durchschnittsnote 1,8, wobei im Inland die deutschen Mittelgebirge und im Ausland die Schweiz und die USA am besten abschnitten.

    Ein Nettoeinkommen für zwei Wochen Illusion

    Erstmals fragten die BAT Freizeitforscher nach den Gesamtkosten einer Urlaubsreise. Zu den Reiseausgaben zählen nach ihrer Definition neben den Reise- und Unterkunfts kosten alle Nebenausgaben wie Essen, Trinken, Trinkgelder, Einkaufsbummel, Ausflüge und Souvenirs.

    Die befragten Urlauber, die 1989 mindestens zwei Wochen verreisten, haben im Durchschnitt 1.267 DM pro Person ausgegeben. Je nach persönlicher Lebenssituation kostete der Urlaub jedoch deutlich mehr oder weniger:

    • Jugendliche verreisen am billigsten. Im vergangenen Jahr haben sie nicht einmal 1.000 DM für ihren Urlaub ausgegeben. Sie kamen auf einen Durchschnittsbetrag von 930 DM pro Person.
    • Auch Familien mit Kindern müssen mit ihrem Reisebudget haushalten. Sie gaben im vergangenen Jahr 949 DM pro Person für ihren Urlaub aus: Ein Familienurlaub mit zwei Kindern kostet dann allerdings 3.800 DM. Und wenn die Kinder älter werden, ist ein gemeinsamer Urlaub für viele Durchschnittsverdiener kaum noch finanzierbar. Für einen Familienurlaub mit zwei Jugendlichen mußten 1989 im Durchschnitt 5.300 DM oder 1.325 DM pro Person bezahlt werden.
    • Am meisten Geld geben im Urlaub Singles und Paare aus, die keine Kinder und Jugendliche zu versorgen haben. Ein Single-Urlaub kostete in der letzten Reisesaison 2.123 DM, ein Urlaub zu zweit 1.852 DM pro Person.

    Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum jede dritte junge Frau und jeder zweite junge Mann im Alter von 18 bis 29 Jahren die Auffassung vertritt: Sport, Hobbys und Urlaubsreisen sind mir wichtiger als Heiraten und eine Familie gründen. Die Rechnung ist klar: Wer eine Familie gründet, muß die eigenen Urlaubsansprüche um die Hälfte reduzieren, darf sich den eigenen Urlaub nicht mehr 2.123 DM, sondern nur noch 949 DM kosten lassen. Opaschowski: „Wer eine Familie gründet, muß bereit sein, bei Urlaubskomfort und Freizeitwohlstand deutliche Abstriche zu machen.“

    Insbesondere ferntouristische Ziele stellen zwangsläufig den größten Ausgabeposten in der Reisekasse dar. Geht man von den Ländern aus, die von wenigstens 2 Prozent der deutschen Urlauber gewählt wurden, kann es nicht überraschen, daß die USA die Liste der teuersten Reiseziele anführen. Die Gesamtkosten für eine Reise in die USA betrugen 1989 im Durchschnitt 2.995 DM pro Person.

    In der Rangliste der teuersten Auslandsziele folgen fast gleichauf die Türkei (1.745 DM), Griechenland (1.713 DM) und Spanien (1.708 DM). Eine 4- PersonenFamilie, die eines dieser Feriengebiete wählt, muß mit Gesamtkosten von rund 7.000 DM rechnen. „Kein Durchschnittsverdiener kann diese Summe aus dem laufenden Einkommen verdienen“, so Prof. Opaschowski, „die Urlaubsreise ist für Gutbetuchte, aber kein Gut für alle mehr.“

    Die teuersten inländischen Feriengebiete waren 1989 Schwarzwald und Bodensee (1.408 bzw. 1417 DM), am preiswertesten verlebte man den Urlaub im norddeutschen Binnenland (829 DM pro Person).

    Ferien auf Pump sind eine Legende

    Zum zeitgemäßen Urlaubsgepäck gehören Euroschecks und Kreditkarten, aber „Ferien auf Pump“ sind eine Legende. Bundesbürger bleiben im Urlaub lieber zu Hause, als auf Pump zu verreisen. Nur 2 Prozent überziehen ihr Konto und zu einer Kreditaufnahme war keiner der Befragten bereit. Die amerikanische Devise „travel now - pay later“ wird von Deutschen offenbar als unsolide empfunden.

    Jeder dritte Urlauber (33 %) finanziert seine Reise aus Ersparnissen. Weitere 29 Prozent der Bundesbürger legen eine eigene Urlaubskasse an, in der sie „monatlich extra Geld“ für die geplante Reise zurücklegen. Aus dem laufenden Einkommen finanzieren 30 Prozent der Deutschen ihre Urlaubsreise. Dies ist natürlich abhängig von der Höhe des Einkommens. So lebt jeder zweite Selbständige und Freiberufler (50 %) im Urlaub vom laufenden Einkommen, dagegen nur 28 Prozent der Arbeiter.

    Jugendliche lassen sich ihren Urlaub zu 70 Prozent von ihren Eltern finanzieren, und jeder siebte 18- bis 24-jährige verdient zusätzlich Geld durch Nebenjobs, um nicht auf die Reise verzichten zu müssen.

    Es bleibt festzuhalten: In der Ferienfinanzierung sind die Deutschen konsequent. In der Regel verreisen sie erst dann, wenn sie genug gespart bzw. verdient haben. Das Geld muß vorher da sein, oder sie verzichten ganz auf die Reise.

    Reisepläne 1990: Werden die Deutschen reisemüde?

    Zu Beginn des Jahres 1989 äußerten 42 Prozent der Bundesbürger ab 14 Jahren die Absicht, ihren Urlaubskoffer für mindestens zwei Wochen zu packen. Tatsächlich haben aber nur 40 Prozent ihre Absicht dann realisiert.

    Und auch 1990 wird wohl kaum als Rekordjahr in die Geschichte des Reisens eingehen. Ein Drittel der Bundesbürger (33 %) beantwortet die Frage nach einer möglichen längeren Urlaubs reise in diesem Jahr mit einem klaren „Nein“. Noch nie in den letzten sechs Jahren hat es zu Beginn einer Urlaubssaison einen so hohen Anteil von möglichen Reiseverweigerern wie in diesem Jahr gegeben. Den geringsten Anteil von Nein-Stimmen gab es 1987 (27 %) - ein Jahr, das dann auch zum bisherigen Rekordjahr wurde.

    Nur zwei von fünf Bundesbürgern (40 %) haben zu Beginn der neuen Reisesaison '90 die feste Absicht, im Urlaub mindestens zwei Wochen zu verreisen. Auf dem Weg in die neunziger Jahre ist erkennbar: Die weißen Wolken der „Weißen Industrie“ werfen immer längere Schatten. Die sozialen ungleichheiten im Urlaubsmarkt verschärfen sich. Die BAT Studie weist nach: Die Mehrheit der Bevölkerung muß ihre Reiselust einschränken, die Besserverdienenden aber verreisen immer mehr. Während eine gut verdienende Mittelschicht auch 1990 unbeirrt an ihren positiven Reiseabsichten festhält (Angestellte: 57 % - Beamte: 62 %), hinkt die Schar der Arbeiter (36 %), Arbeitslosen (27 %) und Rentner (23 %) mit deutlichem Abstand hinterher.