Der Freizeitbrief, 9, 2. Jg., Februar 1981

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Hausfrauen fühlen sich in der Freizeit benachteiligt

    Hausfrauen fühlen sich in der Freizeit benachteiligt

    Die nicht berufstätigen Hausfrauen, oft wegen ihrer vermeintlich vielen freien Zeit beneidet, sind mit ihrer Freizeit alles andere als zufrieden. Zwar haben die nicht berufstätigen Hausfrauen rein rechnerisch 4,9 Freizeitstunden täglich zur Verfügung, die Amerikanerinnen bringen es sogar auf 5,9 Stunden, aber aus der Sicht der Betroffenen wird dieses Privileg ganz anders betrachtet.

    Wie aus einer Untersuchung des BAT Freizeit-Forschungsinstituts hervorgeht, berichten die Hausfrauen über zu wenig „Zeit für sich selbst“. Es besteht nämlich eine deutliche Kluft zwischen der objektiven Freizeitmenge, die oft zerstückelt über den ganzen Tag verteilt ist, und dem subjektiven Empfinden, tatsächlich über soviel freie Zeit zu verfügen.

    Von den befragten Frauen, die über zu wenig persönliche Freizeit klagen, machen 88 % dafür die Familie verantwortlich, den Ehepartner und die Kinder. Auf die Zusatzfrage „Wie könnte man mehr Freizeit erlangen?“ sprachen sich 42 % für eine zeitweilige Entlastung im Haushalt aus. Sie wünschen sich mehr Mithilfe von Familienmitgliedern, eine Putzhilfe und gelegentliche Kinderbetreuung durch andere.

    Erst durch längere Freizeitstrecken in einem Stück kann die Hausfrauen-Freizeit zur wirklich verfügbaren freien Zeit werden, zur Chance, eigene Freizeitinteressen weiter zu entwickeln, sich zu entspannen und Muße zu genießen.

    Die Kneipe hat eine wichtige Freizeitfunktion

    Was viele Männer instinktiv wissen, findet endlich die Bestätigung der Wissenschaft: Die Theke hat eine sozial wertvolle Freizeitfunktion. Wer hätte gedacht, daß die kleine Kneipe an der Ecke nachträglich eine solche Aufwertung erfahren würde. Wie die Experten des BAT Freizeit-Forschungsinstituts ermittelten, entspricht die Theken-Atmosphäre dem wachsenden Bedürfnis nach unverbindlichen Kontakten.

    Zum ungeschriebenen Gesetz der Kneipen gehört, wer seine Ruhe haben will, bleibt ungeschoren, wer reden will, kann sich aussprechen. Die typische Thekenbekanntschaft kommt spontan und zufällig zustande. Sie erlaubt ständig eine Intensivierung oder Zurückhaltung, man schwankt zwischen Intimität und Anonymität. Mit einem Bierchen fällt die Kontaktaufnahme leichter. Musik und Stimmengewirr sind die ideale Kulisse für Gespräche und Schweigen.

    Verständlich, wenn für manche das Rezept für einen gelungenen Feierabend lautet: Vor dem Nach-Hause-Gehen Zwischenstation in einer Kneipe zu machen, den täglichen Ärger runterspülen und alles von der Seele reden, falls einem danach zumute ist.

    Langeweile, Einsamkeit und Gleichgültigkeit sind die drei großen Freizeitprobleme der 80er Jahre

    – Gefragt ist Mitmenschlichkeit –

    In Zukunft jede Menge Freizeit, doch sie macht uns nicht unbedingt glücklich. Auf diese knappe Formel lassen sich Untersuchungsergebnisse des BAT Freizeit-Forschungsinstituts zusammenfassen. Der Hauptgrund: Wir sind für die Freizeit schlecht ausgebildet. Mangel an Freizeitinteressen und Entfremdung gegenüber Mitmenschen sind die Wurzeln vieler Probleme in der Freizeit.

    Der abnehmenden Kommunikation am Arbeitsplatz folgt die Vereinsamung am Feierabend, am Wochenende, im Urlaub. Zwar rücken moderne Massenmedien fremde Welten immer näher, doch der unmittelbare Nachbar wird zu einem Wesen vom anderen Stern. Das Zusammenleben vieler Menschen auf engem Raum, ob zuhause oder im Urlaub, schafft keine menschliche Nähe. Im Gegenteil, der Mensch an der Schwelle der 80er Jahre neigt zum Einigeln. Die Wohnung entwickelt sich als Freizeitinsel. Der zunehmenden Kontaktarmut steht der Konsumreichtum gegenüber.

    Für eine glückliche Freizeit wären mehr gemeinsame Betätigungen erforderlich, mehr gegenseitige Akzeptanz und Anerkennung, Vertrauen und Verständnisbereitschaft. Wichtig ist es, den Mitmenschen entgegenzukommen, einander zuzuhören, aufeinander einzugehen. Gefragt ist Mitmenschlichkeit.

    Jeder fünfte Deutsche gibt mittlerweile an, sich einsam zu fühlen. Erstaunlicherweise ist dies keine Frage des Alters. Junge Menschen neigen, wie die Forschungsergebnisse des BAT-Instituts zeigen, viel stärker zu Einsamkeitsgefühlen, Flucht- und Aussteigertendenzen.

    Vereinsamung ist immer auch ein Stück unbewältigter Vertrauensprobleme. In einer Gesellschaft, in der das Konkurrenzprinzip in der Arbeit und das Konsumprinzip in der Freizeit vorherrschen, wird zwischenmenschliche Verständigung erschwert. Karriere- und Konsumorientierung machen die Mitmenschen immer schon zu tendenziellen Rivalen. Professor Opaschowski, wissenschaftlicher Leiter des BAT Freizeit-Forschungsinstituts: „So gesehen kann der erfolgsgewohnte Managertyp inmitten pausenloser Beschäftigung genauso einsam sein wie die alte Frau auf der Bank inmitten lauter Tauben.“ Er fordert für die Zukunft, das „Mehr an Freizeit“ in die Entwicklung eines neuen Gemeinschaftssinns zu investieren, in ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das auf gemeinsamen Freizeitinteressen und Lebenszielen aufbaut: „Mehr Zeit für die Freizeit haben, muß zur Chance für das Gemeinschaftsleben werden. An dieser Aufgabe müssen alle mitwirken, insbesondere die Schule, die zum lebenspraktischen Lernort für Beruf und Freizeit werden muß.“