Freizeit aktuell, 93, 11. Jg., 30.10.1990

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BAT Freizeit-Forschungsinstitut: Bilanz nach 10 Jahren qualitativer Freizeitforschung:

    BAT Freizeit-Forschungsinstitut: Bilanz nach 10 Jahren qualitativer Freizeitforschung:

    Bringt die neue Freizeit unser Leben aus der Balance?
    Freizeit zwischen Glücksgefühl und Leidensdruck

    Wie sehr die wachsende Freizeit unser aller Leben verändert, wird deutlich bei einer Rückschau von nur zehn Jahren. Eine erste Bilanz aus mehr als zehnjähriger Forschungsarbeit zieht die neue Studie des BAT Freizeit-Forschungsinstituts, die jetzt mit dem programmatischen Titel „Herausforderung Freizeit“ vorgelegt wurde.

    Als Kompendium zur qualitativen Freizeitforschung, zugleich aber auch als Trendbericht über die Zukunftsperspektiven, ist diese Studie eine wahre Fundgrube für alle an der Freizeitthematik Interessierten, aber auch lohnende Lektüre für politische Entscheidungsträger. Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, wissenschaftlicher Leiter des BAT Instituts, analysiert und reflektiert die Entwicklung der Freizeit und die damit verbundenen Konsequenzen. Dabei begnügt sich die neue Studie nicht mit Situationsanalysen. Sie will auch Impulse für die zukünftige gesellschaftliche Entwicklung geben und sich abzeichnende Probleme aufzeigen. Denn die wachsende Freizeitorientierung wird zu einer gesellschaftlichen Gestaltungsaufgabe, zur Herausforderung Freizeit.

    Freizeit gleichberechtigt zur Arbeitszeit

    Die wichtigste Entwicklung: Freizeit hat sich verselbständigt, sie hat einen Eigenwert bekommen. Freizeit ist nicht länger ein Pendant zur Arbeit und damit bloße Erholungszeit. Dementsprechend wird sie nicht mehr als die Zeit definiert, in der nicht gearbeitet wird. Freizeit ist vielmehr eine Zeit, in der man für etwas frei ist. Zwei Drittel der Deutschen möchten sich in der Freizeit „frei fühlen“, jeder zweite möchte sich dabei auch noch „wohlfühlen“.

    Die Verselbständigung der Freizeit bedeutet keineswegs die Abwertung der Arbeit. Im Gegenteil: Die materielle Notwendigkeit der Arbeit wird anerkannt, in der jüngeren Generation zählen wieder Bildung und Leistung. Aber die Arbeit ist eben nur ein Teil des Lebens und nicht mehr alleiniger Lebensinhalt.

    Auf der Suche nach neuen Lebenskonzepten

    Der historische Verlust arbeitsorientierter Ethik führt zur Verunsicherung. Als noch die Arbeit allein in unserem Leben dominierte, verlief es in geregelten Bahnen. Jetzt, sich selbst überlassen und ratlos vor dem neuen Freizeitberg, übernimmt häufig der Zufall das Zepter, Freizeitgestaltung nach dem Chaos-Prinzip wird zur Alternative. Die Freizeitfeinde Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Spaß haben um jeden Preis gewinnen an Boden. Das Leben gerät aus der Balance.

    Auf der Suche nach Identität und Sinnorientierung des Lebens entwickeln sich drei Lebenskonzepte nebeneinander: das familienorientierte Lebenskonzept mit Familie und Partnerschaft im Mittelpunkt, das freizeitorientierte Lebenskonzept mit der eigenen Freizeit im Visier und das zwischen Arbeit und Freizeit ausbalancierte Lebenskonzept.

    Gefragt: Der ideale Freizeitmensch

    Die neue Freizeitpersönlichkeit ist fröhlich und gesellig, hat Freude am Leben und ein schönes Zuhause. War die Pflichterfüllung das Arbeitsideal, so ist die Lebensfreude das Freizeitideal. Für die Jugend bedeutet Lebensfreude Spaß haben, sich vergnügen, für die Älteren keine Sorgen haben, etwas freiwillig und ohne Zeitdruck zu tun.

    Doch zum Freizeitmenschen gehört mehr. Freizeit ist freie, aber nicht untätige Zeit. Auch für die Freizeit müssen Schlüsselqualifikationen weiterentwickelt werden, lebenslang. Dazu gehören: Sich selbst beschäftigen können, sich für Natur und Umwelt verantwortlich fühlen, Eigeninitiative entwickeln. Wer jenseits von Arbeit und Beruf einen Gesamtlebenssinn finden will, der wird sich weiterbilden, sozial engagieren, sich als Individuum profilieren. Gesellschaftliche Akzeptanz winkt auch dem erfolgreichen Freizeitmenschen im Zuge einer Neubewertung nicht bezahlter Tätigkeit.

    Bedrohtes Freizeitglück

    Zehnjährige qualitative Forschung macht es deutlich: Der Weg zur erfüllten Freizeit ist steinig. Die Freizeit pendelt zwischen Glücksgefühl und  Leidensdruck. Wie es scheint, in zunehmendem Maße. Das gilt vor allem für den Freizeitstreß. Man hat zuviel am Hals, ist von Freizeitaktivitäten genervt. Fehlt hektische Betriebsamkeit, herrscht Langeweile, fühlt man sich einsam. Innere Unruhe verdrängt die Muße, nach der man sich eigentlich sehnt.

    Doch der Leidensdruck lastet auch auf dem Urlaub, unangefochten der Höhepunkt aller Freizeiterlebnisse, dem Fahren mit dem Lieblingskind, dem Auto, und nicht zuletzt auf der wachsenden Konsumlust.

    Wird schon der Transport zum Ferienort von Jahr zu Jahr strapaziöser, so haben auch immer mehr Urlauber etwas an ihrem Reiseziel auszusetzen, von der Belastung von Natur und Umwelt gar nicht zu reden.

    Kaum war der Traum von der Mobilität verwirklicht, wurde er binnen kurzem schon zum Alptraum. Die Massenmotorisierung gleicht eher einem Horrortrip, die Lebensfreude bezieht sich meist auf die Freude am Auto, aber kaum noch auf das Vergnügen, Auto zu fahren.

    Während sich die Einkaufswelt einerseits immer mehr zur Erlebniswelt wandelt und Shopping zum beliebten Freizeitvergnügen wird, zeigt sich doch offenkundig, daß das, was besonders freudig stimmt, mit Konsum verbunden ist. Mehr noch: je intensiver der Konsum, desto größer der Genuß. In dieser Kommerzialisierung der Freizeit sehen Kritiker Gefahren für die Persönlichkeitsentwicklung, für den Familienzusammenhalt und das soziale Zusammenleben generell.

    Die Zukunftschancen der Freizeit

    Eine Frage beantwortet die neue Studie des BAT Freizeit-Forschungsinstituts eindeutig: Die Freizeit wird in unserem Leben eine immer größere Rolle spielen. Das läßt sich allein an den Rahmenbedingungen ablesen, wie kürzere Arbeitszeiten, relativ steigende Freizeitbudgets, Industrialisierung der Freizeit.

    Erkennbar sind ebenfalls Änderungen im Freizeitverhalten. So gehören zu den Freizeitgewinnern der letzten Dekade an erster Stelle das Radfahren, gefolgt von der Gartenarbeit. Verlierer sind Handarbeiten, Wandern, Wintersport. Fernsehen und Fußball stagnieren.

    Verstärkt auswirken auf eine positive Freizeit wird sich der Wertewandel mit dem Nachrücken der jüngeren Generation, die nicht mehr umlernen muß, die weniger körperlich arbeitet und die vielfach von Kindesbeinen an Sport und andere Hobbys betreiben konnte. 

    Optimistisch klingt auch der Zeitgeist der 90er Jahre: Es ist eine Lust zu leben. Frieden in Europa, soviel freie Zeit, Geld und Freizeitangebote wie nie zuvor, vor allem soviel persönliche Freiheit wie nie zuvor. Repräsentativ befragt, was die Bürger sich bei vermehrter Freizeit wünschen würden, stand Reisen, Ausflüge machen an der Spitze, gefolgt von Kulturangebote nutzen, sich weiterbilden. 

    Demgegenüber die Schattenseite: Die Mehrheit der Bevölkerung befürchtet, die Menschen würden in ihrer Freizeit immer schneller von einem Konsumangebot zum anderen hasten und dabei gar nicht mehr zur Besinnung kommen. Schon jetzt ist ein Trend zur Zwei-StundenAktivität zu erkennen: Alle zwei Stunden etwas Neues machen, zur nächsten Party gehen, einen zweiten Film sehen, die Kneipe wechseln.

    Jeder Zweite glaubt daran, daß sich die Menschen in ihrer Freizeit eher passiv verhalten und diese am liebsten fremdorganisiert verbringen.

    Auf das Konto egozentrischer Freizeitinteressen geht auch der  Attraktivitätsverlust von Ehe und Familie. Freizeitkonform sind das Singledasein und die gleichgesinnte Freundesclique.

    Doch während dies alles Trenderscheinungen sind, liegt das eigentliche Problem nach Ansicht der Hamburger Freizeitforscher darin, daß die Menschen bei der Bewältigung der wachsenden Freizeit weitgehend allein gelassen werden. Sie sehen zwar die verlockenden Aussichten, viele sind aber nicht fähig, ihre Wünsche in die Tat umzusetzen.

    Ein Grund: Freizeit ist in Deutschland so sehr Privatsache, daß sie von der Politik gar nicht richtig wahrgenommen wird. Die Chancen der neuen Freizeitorientierung können nur durch Einbindung der Freizeit in die Bildungs-, Kultur-, Familien-, Umwelt- und Verkehrspolitik genutzt werden. Eine bürgernahe Freizeitpolitik ist für das persönliche Wohlbefinden des Bürgers in der Zukunft unerläßlich.