Freizeit aktuell, 97, 12. Jg., 15.05.1991

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Freizeit: Bloß keine Verpflichtungen!

    Freizeit: Bloß keine Verpflichtungen!

    Wenn aus Freizeitengagement Arbeit wird

    Ist Kindererziehung eine Freizeitbeschäftigung? Was haben Krankenbesuche mit Freizeit zu tun? Und ist die engagierte Mitarbeit im Verein ein erfüllendes Freizeithobby oder bereits eine anstrengende Arbeit? Das Hamburger BAT Freizeit-Forschungsinstitut hat erstmals auf repräsentativer Basis 2.000 Personen ab 14 Jahren in den alten und neuen Bundesländern nach der ganz persönlichen Bedeutung solcher Freizeitaktivitäten befragt, die ganz oder teilweise verpflichtenden Charakter haben.

    Ost- und Westdeutsche sind sich weitgehend einig: Mit der Familie zusammen sein und mit Kindern spielen macht Freude und wird „in jedem Fall als Freizeit empfunden“. Für die Bevölkerung in den neuen Bundesländern haben die Gemeinsamkeit mit der Familie (Ost: 80 % - West: 73%) und das Spiel mit den Kindern (Ost: 69 % - West: 66 %) sogar eine größere Freizeitbedeutung. Doch je mehr eine Beschäftigung in der freien Zeit Verpflichtungscharakter bekommt, desto weniger gilt sie als Freizeit. Entsprechend wird bereits Kindererziehung nur noch von 22 Prozent der Westdeutschen und 30 Prozent der Ostdeutschen als wirkliche Freizeit empfunden.

    Bei sozialen Verpflichtungen hört der Freizeitspaß schnell auf

    Was manchmal freiwillig beginnt, kann schnell zur lästigen Pflicht werden. Die Mitarbeit im Verein empfinden nur mehr ein Drittel der Bundesbürger (Ost: 30 % - West: 36 %) als Freizeitbeschäftigung und ein freiwilliges Engagement in einer sozialen Organisation (z.B. beim Roten Kreuz) können sich lediglich 15 Prozent der Ostdeutschen und 23 Prozent der Westdeutschen als Freizeittätigkeit vorstellen. Die geringste Freizeitbedeutung wird der aktiven Mitarbeit in Parteien und Gewerkschaften zuerkannt (Ost: 12 % - West: 18 %).

    Dazu Prof. Opaschowski, der Leiter des BAT Instituts: „Der Erlebnischarakter des persönlichen Engagements in sozialen und politischen Organisationen geht zunehmend verloren. Die Menschen machen die Erfahrung, daß das Interesse für Politik nicht in ein Erlebnis von Politik mündet. Mehr Freizeit bedeutet nicht automatisch mehr Zeit für politisches Engagement, kann eher Tendenzen zur Ent-Politisierung des Freizeitverhaltens fördern.“

    Die Menschen haben zunehmend das Gefühl, daß auch in der Freizeit der Katalog sozialer Verpflichtungen wächst und sie davon abhält, das zu tun, woran sie eigentlich mehr Spaß und Freude haben. Für jeden vierten Bundesbürger haben Nachbarschaftshilfe (Ost: 18 % - West: 23 %) und Krankenbesuche (Ost: 26 % - West: 23 %) „in keinem Fall“ etwas mit Freizeit zu tun. Soziale Dienstleistungen für andere können schnell zu lästigen Verpflichtungen werden. Dem wachsenden Freizeit-Egoismus drohen auch notwendige Arbeiten in den eigenen vier Wänden zum Opfer zu fallen. Während knapp die Hälfte der ostdeutschen Bevölkerung (44 %) Haushaltsarbeiten an Feierabend und Wochenende als notwendiges Übel ansieht, halten fast zwei Drittel der Westdeutschen (63 %) die Haushaltsarbeit in der Familie für eine Tätigkeit, die den eigenen Freizeitinteressen hinderlich im Wege steht.