Freizeit aktuell, 98, 12. Jg., 24.06.1991

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Freizeit Ost und Freizeit West: Das Dilemma zwischen Geld und Zeit

    Freizeit Ost und Freizeit West: Das Dilemma zwischen Geld und Zeit

    Neue Bundesländer: Leistung wichtiger als Lebensgenuß

    Die ostdeutschen Bundesbürger orientieren sich heute an Lebenszielen, wie sie für die Westdeutschen in den 50er und 60er Jahren - noch vor dem freizeitorientierten Wertewandel - prägend waren. Eine postmaterielle Lebensorientierung können sich die Ostdeutschen (noch) nicht leisten. So sind in den neuen Bundesländern Lebensziele wie „Etwas leisten“, „Viel Geld verdienen“ und „Vermögen schaffen“ deutlich stärker ausgeprägt als im Westen. Für die Ostdeutschen geht Leistung (68 %) vor Lebensgenuß (58 %), während die Westdeutschen mehrheitlich das Leben genießen wollen (63 %) und materielle Ziele hinten anstellen.

    Wie aus der vom BAT Freizeit-Forschungsinstitut veröffentlichten Repräsentativerhebung „Freizeitstile der Deutschen in Ost und West“ weiter hervorgeht, gibt es erhebliche Unterschiede zwischen Ost- und Westbürgern auch im Freizeitverhalten. Und dies natürlich aufgrund der verschiedenen ökonomischen Situationen, der Wohlstands- und Beschäftigungsverhältnisse. Aber das ist es nicht allein. Selbst wenn die materielle Lage die gleiche wäre, der westdeutsche Freizeitmensch ist nach längerer Freizeitpraxis an einem Punkt angekommen, wo er sich nach mehr Zeit sehnt und sogar zum Konsumverzicht bereit ist. Den Bürgern der östlichen Bundesländer hingegen steht die auf den ersten Blick verheißungsvolle konsumorientierte Freizeit erst noch bevor.

    Konsumwohlstand contra Zeitwohlstand

    Wie Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, wissenschaftlicher Leiter des BAT Instituts, dazu erklärt, lebt der überwiegende Teil der westdeutschen Bevölkerung im materiellen Wohlstand, kann sich aber eines nicht leisten: Zeit zu haben. Der Freizeitalltag im Westen ist immer mehr gekennzeichnet von Hektik und Streß, die Ostdeutschen hingegen verfügen über mehr Zeitwohlstand.

    Vom Übermaß an zeitfressenden Freizeitaktivitäten sind die Menschen in den neuen Bundesländern ein gutes Stück entfernt. Man könnte fast sagen, sie leben noch in einer Freizeitidylle mit genügend Muße, um aus dem Fenster zu gucken, Briefe zu schreiben, sich der Familie zu widmen. Kein Freizeit-Terminkalender hetzt sie durchs Wochenende, kein prestigeorientierter Freizeitkonsum zwingt sie, sich in der Freizeit zu überanstrengen.

    Der Haken dabei, sie wissen diesen „Wohlstand“ (noch) nicht zu schätzen. Sie haben den enttäuschenden Prozeß des Wertewandels vom rigorosen Freizeit-Konsumgenuß zur bedrückenden Erkenntnis der zerrinnenden Zeit wohl noch vor sich. Mehr Wohlstand bedeutet eben nicht automatisch mehr Lebensqualität. Eine Erkenntnis der BAT Studie: Konsumwohlstand und Zeitwohlstand zugleich sind nicht zu haben.

    Während also die Westdeutschen beginnen, sich nach mehr Ruhe in der Freizeit zu sehnen, wird die ostdeutsche Bevölkerung vermutlich ihre spezifische Lebensqualität von Muße und Beschaulichkeit aufgeben, wenn sie den westdeutschen Konsumstil kritiklos kopiert.

    Ostbürger haben intaktere Familienkontakte

    Betrachtet man die Freizeitstile Ost und West im einzelnen, so ergibt sich vor allem ein wesentlicher Unterschied in der sozialen Lebensorientierung. So halten es zwei Drittel der ostdeutschen Bevölkerung (67 %) für besonders wichtig im Leben, anderen zu helfen. Nur 50 Prozent im Westen sind dieser Meinung. Ebenso auffallend sind die Unterschiede in der Bereitschaft, „über wichtige Dinge in der Familie zu reden“. Dies haben 49 Prozent der ostdeutschen Befragten „in den letzten Wochen oder am Wochenende“, hingegen nur 30 Prozent der Westdeutschen, getan.

    Nachholbedarf bei Information und Beratung

    Zum Ausdruck kommt in der Befragung auch das große Informationsdefizit im Osten. Man möchte mehr wissen über gesunde Ernährung, Urlaub und Reisen, Wohnen und Einrichten, Schönheits- und Körperpflege. Insgesamt ist die Beratung erwünscht, vor allem zum Thema umweltbewußtes Freizeit- und Reiseverhalten oder zu Ideen für die Freizeitgestaltung.

    In fast gleichem Maße ist Freizeit in Ost und West auch Medienzeit. Vor dem Fernseher sitzen Gesamtdeutsche genauso häufig. Zeitungen und Zeitschriften hingegen werden von Ostdeutschen etwas mehr gelesen, das gilt auch für Bücher. Das Telefonieren, in Westdeutschland inzwischen eine besonders beliebte Freizeitbeschäftigung, erreicht im Osten niedrigere Nennungen, kein Wunder bei der geringen Anschlußquote.

    Breiter wird die Freizeitkluft zwischen Ost und West im Bereich Konsum in der Freizeit. Hier dokumentiert sich das Wohlstandsgefälle besonders krass. Die Mehrheit der ostdeutschen Bevölkerung muß sich auf den reinen Versorgungskonsum beschränken (63 %): 43 Prozent können sich nur das leisten, „was zum Leben notwendig ist“; weitere 20 Prozent müssen sparen, „weil das Haushaltsbudget gerade zur täglichen Versorgung reicht“. Lediglich 35 Prozent können sich in moderatem Maße einen Erlebniskonsum erlauben. Hier möchte man sich endlich Dinge leisten, die das Leben verschönern und angenehmer machen. Und diese müssen weder teuer noch luxuriös sein.

    Voneinander lernen

    In seiner Analyse der Befragung zieht Prof. Opaschowski das Fazit, Deutsche in Ost und West können hinsichtlich der Freizeitgestaltung voneinander lernen.

    Es wäre falsch, die Freizeitstile in den alten und neuen Bundesländern bewertend zu vergleichen. Sie haben jeweils eigenständige Profile, die sich über kurz oder lang angleichen werden. Für die Zukunft gilt, und zwar für beide Teile Deutschlands: Die allgemeine Tendenz zu einem freizeitorientierten Lebensstil wird nur bei ausgewogener Kombination von Geld und Zeit und damit von Konsum und Muße die erhoffte Lebensqualität und Zufriedenheit bringen.