Freizeit aktuell, 99, 12. Jg., 21.08.1991

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Urlaub – alles nur Illusion?

    Urlaub – alles nur Illusion?

    Die neue Studie des BAT Freizeit-Forschungsinstituts über die Hintergründe der deutschen Reiselust

    „Mythos Urlaub - Die unerfüllbare Sehnsucht nach dem Paradies“ heißt die neue motivationspsychologische Studie, die jetzt im Rahmen der Tourismusforschung des BAT Freizeit-Forschungsinstituts erschienen ist. Der Titel verrät bereits das Ergebnis: Urlaub ist der Traum vom Paradies, aber er ist nicht das Paradies selbst. Und so wiederholt sich jedes Jahr das schöne Urlaubsspiel, der erneute Versuch, den Traum zu verwirklichen, der doch nur Utopie ist.

    Wie Urlaub empfunden wird

    Dem BAT-Institut ging es darum, einmal einen Blick hinter die gängigen Kulissen des Urlaubs zu werfen, der „Empfindungswelt Urlaub“ auf die Spur zu kommen, die Diskrepanz zwischen Urlaubserwartung und Urlaubswirklichkeit zu erforschen. So wurden Singles und Familienangehörige neben Einzelinterviews in kleinen Gruppen unter der Moderation von Psychologen zu Phantasiereisen, Tagträumen, Assoziationen animiert. Dabei galt es vor allem, die übliche Fiktion des grundsätzlich „gelungenen“ Urlaubs zu überwinden. Für die Tourismusbranche, die vor der Frage steht, was Urlauber wirklich wollen, die vermehrt über Alternativen zum Massentourismus nachdenkt, dürfte diese Studie von großem Interesse sein. Muß das Urlaubstraumziel real sein oder befriedigt es als künstlich errichtete Scheinwelt die Sehnsucht nicht viel stärker?

    Positive Urlaubsbewertung dominiert

    Zu den wichtigen Erkenntnissen der neuen BAT Studie gehört, daß es den Urlaubern tatsächlich zu gelingen scheint, eine befriedigende und tragfähige Brücke zwischen unerfüllbarer Paradiessehnsucht und erreichbarem Urlaubsergebnis zu bauen. Der Wunsch ist fast schon die Erfüllung. Damit wird ein gelungener Urlaub zwar auch zu einer gelungenen Selbsttäuschung, doch es läßt sich damit leben, sogar in Harmonie. Der deutsche Urlauber wird nicht so schnell zu einem Illusionisten, er ist schon von Haus aus Pragmatiker. Er ist so darauf erpicht, den Urlaub als Erfolg zu verbuchen, daß er selbst daran glaubt. Und seine Sehnsucht bleibt ihm dennoch erhalten.

    Inselsehnsucht - das beherrschende Motiv

    Wonach er sich wirklich sehnt, das beschreibt Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, der wissenschaftliche Leiter des BAT Freizeit-Forschungsinstituts, in der Studie sehr klar: Der Urlaubsmensch möchte raus aus dem Alltag mit seinen Zwängen und Verantwortung, weg von den gewohnten Gesichtern, den eigenen vier Wänden. Diese Fluchttendenz ist auch die geheime Triebfeder für Fernreisen. Das „Starmodell Urlaub“ manifestiert sich in den vier Begriffen Sonne/Strand/Ruhe/Sex. Oder anders ausgedrückt: „Mit dem Traumpartner auf einer Insel in der Karibik“. Es ist die Inselsehnsucht, die schon immer die Menschheit, so auch den deutschen Urlauber, in ihren Bann schlägt und die damit fast zu einem Synonym für Urlaub wird.

    Konfrontiert mit der Inselwirklichkeit zeigt der Urlauber allerdings Kompromißbereitschaft: eine naturbelassene Insel ohne vertraute Zivilisation ist nicht sein Fall. Das kühle Bier zum Sonnenuntergang gehört dazu. Daraus folgt: Urlaub so ursprünglich wie möglich, aber so bequem wie nötig. Was die Frage aufwirft, ob Urlaub wirklich auf der fernen Insel stattfinden muß oder das Inselgefühl sich nicht auch einfacher und preiswerter zur vollen Zufriedenheit vermitteln läßt.

    Urlaub als Theaterinszenierung

    Für den Urlauber ist nicht nur sein Urlaubsziel von Bedeutung, sondern auch die Möglichkeit, im Urlaub eine seinen Bedürfnissen entsprechende Rolle zu spielen. Insofern ähnelt jeder Urlaub einer Theaterinszenierung, wie Prof. Opaschowski feststellt. Der Urlauber spielt die Hauptrolle, benötigt jedoch Mitspieler für die Nebenrollen, um wirklich aus seiner gewohnten Haut zu schlüpfen und ein Urlaubsmensch zu werden. Urlauber kleiden sich und handeln auf der Urlaubsbühne anders als zu Hause. Die BAT Studie enthält eine Besetzungsliste, die Urlauber als „König Kunde“, „Perfektionist“, „Individualist“, „Aktivist“, „Cosmopolit“ oder „Prestigefanatiker“ ausweist, um nur einige zu nennen. Allen gemeinsam ist: Sie möchten eine neue, in jedem Fall aber glückliche Rolle spielen, vor allem aber eine, die ihnen zu Hause versagt ist.

    Urlaub der Zukunft in künstlichem Ambiente

    Was die Urlaubswelt von morgen anbetrifft, so ist man sich einig, daß es den Urlaub, wie man ihn heute kennt, nicht mehr lange geben wird. Deshalb heißt es jetzt genießen, denn Natur ist bald verbraucht. Nachfolgen wird eine Pseudo-Natur mit Klimaanlage, eine Retortenscheinwelt mit Lagunenlandschaften und Tropenparks in nahen Reservaten. Synthetische Urlaubswunder, wie sie heute schon überall entstehen. Daneben behaupten sich individuelle Exotik- und Safarireisen in weit entfernte Gegenden. In dieser neuen schönen Kulissenwelt kann dann der Urlauber der Zukunft tatsächlich die Vorstellung vom Paradies erfüllen und zur perfekten Illusion werden.