Freizeit aktuell, 100, 12. Jg., 19.09.1991

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Junge Generation will „sanfte Karriere“

    Junge Generation will „sanfte Karriere“

    Neue BAT Untersuchung über den Wandel des Karrierebegriffs

    Wer bisher beruflich Erfolg haben wollte, mußte auf viel Freizeit verzichten, was auf Dauer persönlich und familiär häufig nicht verkraftet werden konnte. In dieser Beurteilung sind sich heute fast alle Berufstätigen einig: 94 Prozent wollen von „langen Arbeitszeiten und wenig Freizeit“ nichts mehr wissen. Wie aus einer neuen Umfrage des BAT Freizeit-Forschungsinstituts in Westdeutschland hervorgeht, sucht vor allem die junge Generation eine Karriere jenseits von Prestige und Position. Die jungen „Karrieristen“ von heute entdecken die Lust am ganzen Leben. Sie leben nicht mehr vom Job und für die Karriere allein. Für zwei Drittel (63 %) der jungen Berufstätigen im Alter bis zu 34 Jahren heißt berufliche Karriere in erster Linie „eine Arbeit haben, die Spaß macht“. Hingegen interessieren „Führungspositionen“ (28 %) und „hohes Ansehen“ (20 %) nur bedingt.

    Die meisten jungen Leute fragen zuerst danach, wie sie ihre „eigenen beruflichen Vorstellungen verwirklichen können“ (58 %). Sie fragen nach persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten im Beruf, nach mehr Freiräumen für das eigene Gestalten und nach dem, was ihnen die Arbeit persönlich bringt. Ihre Schlüsselfrage lautet nicht mehr: Kann ich viel verdienen?, sondern: Wie sieht mein Job aus?

    Müssen die Unternehmen die Konkurrenz von  „Freizeitkarrieren“ fürchten?

    Der Karrierebegriff bleibt in Zukunft nicht mehr allein auf den beruflichen Bereich beschränkt – er bekommt Konkurrenz vom Freizeitbereich. Denn hier kann jeder tun, „was Spaß macht“: Ein vielfältiges Profilierungsfeld für individuelle Karrieren. Schon spricht man in der neueren Sozialforschung von „Freizeitkarrieren“. Insbesondere in der jüngeren Generation entwickeln sich zunehmend neue Qualifikationsprofile für Freizeitkarrieren als Musiker, Sportler, Heimwerker, Globetrotter oder Computerfreak, die fast professionelle Ansprüche erfüllen und Hobby- und Berufsinteressen miteinander verbinden.

    Die neuen Freizeitprofis finden genausoviele attraktive Profilierungsmöglichkeiten vor wie die Karrieristen im Beruf: Aufnahmerituale, Leistungsanforderungen, Konkurrenzsituation, Selbstdarstellungen, Erfolgserlebnisse und Aufstiegsmöglichkeiten in der Clique, im Club oder im Verein. Die gesellschaftliche Anerkennung blieb vielen bisher zwar noch versagt. Doch zeichnet sich für die Zukunft ab, daß „Aufsteiger“ und „Workaholiker“ mit ihrem Bekenntnis „Ich arbeite viel für meine Karriere“ um ihr Prestige bangen müssen angesichts des steigenden Kurswertes außerberuflicher freizeitorientierter Karrieristen.

    Das andere Karriereverständnis der Frauen: Erfolgserlebnisse wichtiger als Führungspositionen

    Frauen repräsentieren rund 52 Prozent der deutschen Bevölkerung und 38 Prozent der Erwerbstätigen. Sie stellen aber nur zwei Prozent der oberen Führungskräfte. Dieses Mißverhältnis wird „auch“ durch die Frauen selbst verursacht, wie die BAT Untersuchung deutlich macht:

    • 12 Prozent aller berufstätigen Frauen signalisieren von vornherein, daß sie kein Interesse an beruflicher Karriere haben.
    • Gut ein Drittel der berufstätigen Frauen (36 %) denkt bei Karriere an beruflichen „Aufstieg“. Zwei Drittel hingegen wollen von beruflicher Karriereleiter nichts wissen und überlassen den Männern freiwillig das Feld der oberen Führungsetagen. Berufstätige Frauen im Alter bis zu 34 Jahren denken bei Karriere bereits zu 44 Prozent an Aufstieg, für eine knappe Mehrheit (56 %) von ihnen aber hat Karriere unverändert nichts mit Aufstieg zu tun.
    • Ein Fünftel (21 %) der berufstätigen Frauen kann sich vorstellen, „als Vorgesetzte in Führungsposition tätig zu sein“. Die meisten aber finden sich mit der männlichen Dominanz im Chefsessel ab.

    Berufliche Karriereplanung heißt für Frauen auch persönliche Lebensplanung. Sie arbeiten in erster Linie für sich und ihre Erfolgserlebnisse und „messen“ ihre Erfolge deutlich weniger als Männer an Einkommens „höhen“, Aufstiegs“stufen“ oder Führungs“positionen“. Sie wollen Karriere erleben und nicht nur machen. 51 Prozent der berufstätigen Frauen empfinden es für sich schon als Karriere, wenn sie im Beruf Erfolgserlebnisse haben. Das Erreichen von Führungspositionen hat für sie nachgeordnete Bedeutung. In ihrer Einstellung zum Beruf zeigen sie sich weniger materialistisch: Geldverdienen ist sicher wichtig, aber „viel Geld verdienen“ nur für ein Drittel der berufstätigen Frauen erstrebenswert.

    Karrieren sind bisher weitgehend 'Männerkarrieren' gewesen. Mit der wachsenden Erwerbstätigkeit der Frauen muß der Karrierebegriff neu definiert werden. Das männlich geprägte Bild vom schnellen Erklimmen der Karriereleiter muß überholt und ergänzungsbedürftig erscheinen.

    „Ich will mehr Zeit für mich“ - diese Forderung gab es früher eigentlich nur bei Frauen. Jetzt werden auch die Männer sensibel und übernehmen weibliche Lebensziele. Sie möchten beides haben und genießen: Arbeitszeit und Freizeit.

    Die neue Karrieregeneration wählt die Form der „sanften Karriere“, will zwar leistungsmotiviert, zielstrebig und erfolgsorientiert sein, läßt sich aber nicht mehr nur von „harten Prinzipien“ wie Geld, Macht und Aufstiegsstreben leiten. Sie hat Spaß an der Arbeit, Freude am Erfolg und Lust an der Verwirklichung eigener beruflicher Vorstellungen. Privates aber soll ebenso wichtig sein wie Berufliches. Gleichberechtigt sollen beide Lebenskreise nebeneinander stehen.

    Wortlaut der Fragestellung

    Es gibt verschiedene Auffassungen darüber, was man heute unter „beruflicher Karriere“ verstehen kann. Was verstehen Sie selbst darunter? Welchen der folgenden Aussagen können Sie persönlich am ehesten zustimmen?
    (Maximal 5 Nennungen möglich)

    1. Meine eigenen beruflichen Vorstellungen und Ziele verwirklichen können
    2. Eine Arbeit haben, die Spaß macht
    3. Als Vorgesetzte(r) in Führungsposition tätig sein
    4. Überdurchschnittlich viel Geld verdienen
    5. Lange Arbeitszeiten und wenig Freizeit haben
    6. Berufliche Tätigkeit von hohem Ansehen ausüben
    7. Mich in der Arbeit selbst verwirklichen können
    8. Erfolgserlebnisse haben und anerkannt werden
    9. Berufliche Aufstiegschancen haben
    10. Nichts davon; „berufliche Karriere“ interessiert mich nicht bzw. nicht mehr

    Befragte: 1.000 westdeutsche Bundesbürger ab 14 Jahren
    Befragungszeitraum: Juni 1991