Freizeit aktuell, 105, 13. Jg., 21.07.1992

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Das Mallorca-Syndrom: Glücklich in der großen Masse

    Das Mallorca-Syndrom: Glücklich in der großen Masse

    Jeder fünfte Urlauber liebt das Bad in der Menge

    Der Tourismus hat zwei Gesichter: Als Massenbewegung steht er zunehmend in der öffentlichen Kritik, als massentouristisches Erlebnis aber übt er nach wie vor eine große Faszination auf die Menschen aus. Was die Markt- und Rummelplätze in früheren Jahrhunderten waren, sind heute die Urlaubszentren in aller Welt geworden: Fast jeder fünfte Urlauber (18 %) sucht und findet hier das „Bad in der Menge“. Dies gilt vor allem für die jüngere Generation: 28 Prozent der unter 30jährigen reizt das Sehen und Gesehenwerden und 19 Prozent fühlen sich von Menschenmassen geradezu „magisch angezogen“. Dies geht aus einer aktuellen Repräsentativumfrage des BAT Freizeit-Forschungsinstituts hervor, in der 2.483 Personen ab 18 Jahren in West- und Ostdeutschland danach gefragt wurden, wie sie persönlich auf Massensituationen im Urlaub reagieren.

    Überfüllte Strände, See- und Meeresufer lösen bei Urlaubern nicht nur negative Reaktionen aus. Während die ältere Generation vorwiegend dem Gedränge aus dem Wege gehen will, stürzen sich junge Leute im Urlaub ganz bewußt auf Massenansammlungen aller Art: 41 Prozent der jungen Leute im Alter von 18 bis 29 Jahren bevorzugen massentouristische Zentren. Denn „wo viel los ist, erlebt man auch viel“. Zum intensiven Urlaubserleben gehören für sie eine große Menge möglichst Gleichgesinnter genauso dazu wie die räumliche Enge oder eine Flut von Angeboten und Ereignissen.

    Für Prof. Opaschowski, den Leiter des BAT Freizeit-Forschungsinstituts, bekommen Massenerlebnisse in der urlaubsmobilen Gesellschaft eine neue Bedeutung: Von den Fesseln des Alltags befreit, streben viele Urlauber nur einem Ziel zu. Sie wollen sich selbst als Akteure erleben, wozu sie Zuschauer brauchen. Die Masse wird zur Bühne und die Urlaubslandschaft zur Kulisse. In dieser Inszenierung will jeder „seine“ Rolle spielen. Und die anderen Urlauber benötigt man als Mitspieler und Publikum. In solchen Urlaubssituationen genießen sie das Zusammensein mit anderen, die Enge, das Gedränge und selbst den Kontaktstreß in der Menge. Manche Anstrengung kann so zum Qualitätsbeweis für intensives Urlaubserleben werden.