Freizeit aktuell, 113, 15. Jg., 10.01.1994

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„Voll gestresst“: Was Jugendliche in der Freizeit aggressiv macht

    „Voll gestresst“: Was Jugendliche in der Freizeit aggressiv macht

    BAT Untersuchung: Dauerstreß erhöht Aggressionsbereitschaft

    Jugendliche werden aggressiv, wenn sie nicht in Ruhe gelassen werden. Jeder zweite Jugendliche in Deutschland gerät in Wut, wenn er in seiner Freizeit „von anderen gestört wird“ (56 %) oder den eigenen Freizeitaktivitäten nicht nachgehen kann, weil er „auf andere Rücksicht nehmen muß“ (51 %). Viele Jugendliche können sich aus dem selbstgemachten Freizeitstreß nur mehr durch Sich-Abreagieren befreien. Dies geht aus einer Repräsentativbefragung des BAT Freizeit-Forschungsinstituts hervor, in der 2.600 Personen ab 14 Jahren in Deutschland nach ihren persönlichen Reaktionen auf Streßsituationen in der Freizeit befragt wurden.

    Durchorganisiert, total verplant und immer ausgebucht

    Jugendliche haben zunehmend das Gefühl, daß ihnen die Zeit davonläuft. Je mehr Freizeit sie zur Verfügung haben und je vielfältiger die Konsumangebote sind, desto stärker wachsen auch ihre persönlichen Freizeitwünsche. Wenn ihnen dann alles zuviel wird, weil sie sich „zu viel vorgenommen“ haben, werden sie ein Opfer ihrer eigenen Ansprüche: 28 Prozent aller 14- bis 19jährigen Jugendlichen können sich dann nur noch mit Aggressionen helfen. Die innere Unruhe und Unzufriedenheit mit sich selbst „muß raus“: Sie nerven die eigene Familie, reagieren sich beim Jogging und Fußball ab oder suchen bewußt Streit mit anderen. Viele Jugendliche haben Schwierigkeiten, sich in der Freizeit Grenzen zu setzen – zeitlich, finanziell und auch psychosozial.

    Den Konsum-Imperativ „Bleiben Sie dran!“ erleben sie als eine einzige Streß-Rallye. Die ständige Anforderung droht zur Überforderung zu werden. So nehmen sich Jugendliche vor allem an Wochenenden mehr vor, als sie eigentlich schaffen können.

    Soziale Verpflichtungen lösen Streßsymptome aus

    Der gesellschaftliche Trend zur Individualisierung bleibt nicht ohne Folgen, weil sich immer mehr Jugendliche auf den „Ego-Trip“ begeben. Soziale Verpflichtungen und Rücksichtnahmen lösen bei ihnen sofort Stresssymptome aus, wenn sie ihnen „nachkommen müssen“. Familientreffen und Verwandtenbesuche sind davon besonders betroffen. Für 29 Prozent aller Jugendlichen sind Verwandtenbesuche reine Pflichtbesuche, denen sie nur mit großer Unlust, gezwungenermaßen, gereizt und „mit Wut im Bauch“ nachkommen. Solche Besuche halten sie vermeintlich davon ab, das zu tun, woran sie eigentlich mehr Spaß und Freude haben. Im Gefolge des Konsum- und Freizeitstresses droht mitunter die soziale Dimension des eigenen Verhaltens auf der Strecke zu bleiben.

    Jugend im Dauerstreß: Wenn Nervosität in Aggression umschlägt

    Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung reagieren die Jugendlichen nur auf eine Streßsituation relativ cool und gelassen: Die Dauerberieselung mit Musik ist für sie kaum ein Anlaß zu Aufregung und Ärger (6 % - Gesamtbevölkerung: 18 %). Die Walkman-Generation lässt grüßen; mit Musik rund um die Uhr kann sie offenbar gut leben. Anders verhält es sich beim Dauer-TV: Jeden siebten Jugendlichen (16 % - Gesamtbevölkerung: 13 %) macht dauerndes Fernsehen aggressiv. Mehrstündiges Fernsehen kann manchmal mehr Aggressionen auslösen als acht Stunden Arbeit. Die eigene Passivität verlangt nach körperlicher Bewegung und viele Jugendliche fühlen sich erst dann wieder wohl, wenn sie sich gehen lassen können.

    Die Ergebnisse der BAT Umfrage lassen den Schluß zu: Die junge Generation, überwiegend im Wohlstand und Konsumüberfluß aufgewachsen, wehrt sich gegen die ständige Reizüberflutung auf ihre eigene Weise: Sie resigniert nicht, wird nicht apathisch, zeigt sich weder verunsichert noch verwirrt. Sie reagiert vielmehr ihre innere Unruhe einfach ab.