Forschung aktuell, 149, 20. Jg., 31.10.1999

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Der Mensch in der Arbeitswelt von morgen

    Der Mensch in der Arbeitswelt von morgen

    Der Mensch in der Arbeitswelt von morgen:
    Männer haben mehr Chancen im Beruf, Frauen mehr Spaß an der Arbeit

    Zur Jahrtausendwende zeichnet sich eine gespaltene Arbeitswelt ab: Berufstätige Männer schätzen ihre Aufstiegschancen (23%) deutlich höher ein als berufstätige Frauen (8%). Gleiches gilt für überdurchschnittlich gute Verdienstmöglichkeiten (17% - Frauen: 10%) und die Chance, in Führungspositionen (15% - Frauen: 7%) zu arbeiten. Das muß jedoch für Frauen kein Grund zur Resignation sein: Denn sie haben nach ihrem Empfinden eine Arbeit, die Spaß macht (61% - Männer: 57%). Dies geht aus einer Repräsentativbefragung von 3.000 Personen ab 14 Jahren hervor, in der das Freizeit-Forschungsinstitut der British American Tobacco auch 1.493 Berufstätige nach ihren beruflichen Karrierevorstellungen und ihrer tatsächlichen Situation am Arbeitsplatz gefragt hat.

    Trotz faktischer Ungleichheiten, zeitlicher Mehrbelastungen und mancher Unbequemlichkeit sind Frauen eher bereit, sich mit den vorhandenen Arbeitsbedingungen zu arrangieren - wenn die Motivation stimmt. "Eine Arbeit haben, die Spaß macht, ist für das Selbstbewusstsein von Frauen wichtiger als die Möglichkeit, viel Geld zu verdienen", so Institutsleiter Prof. Dr. Horst W. Opaschowski.

    Vieles spricht dafür, dass Frauen der Rollen-Mix von Berufs- und Privatleben besser gelingt oder leichter fällt. Männer sind schnell bereit, um des beruflichen Erfolges willen die Verantwortung für Familie und Kinder einfach abzugeben. Frauen hingegen wollen auch bei Berufstätigkeit im Gleichgewicht leben und favorisieren ein zwischen Berufs- und Privatleben ausbalanciertes Lebenskonzept, in dem kein Lebensbereich dem anderen einfach untergeordnet wird. Frauen gehen auch bewusst mehr auf Distanz zu ausschließlich berufsorientierten Lebenskonzepten: Familie, Freunde und Freizeit halten sie für genauso wichtig wie Geldverdienen, berufliche Ambitionen und Spaß an der Arbeit. Opaschowski: "Frauen setzen Zeichen für eine neue Lebensqualität: Arbeitsfreude ist 'in', aber Schaffensfreude in Familie, Freizeit und Freundeskreis auch. Erst Job, dann Geld - und dann erst Leben? Das gilt für viele Frauen nicht mehr."

    Frauen können mit der zunehmenden Abkoppelung der Erwerbsarbeit von der Identität ihres Lebens besser umgehen. Sie schaffen sich neue Identitäten, während Männer eher dazu neigen, bei Arbeitsplatzverlust am Sinn ihres Lebens zu zweifeln. Frauen leben nach der Devise "Mit dem Ende der Erwerbsarbeit ist die Lebensarbeit nicht zu Ende." Männer hingegen verlieren mit der Arbeit ihren Identitätsanker; sie haben deutlich mehr als Frauen an der Sinnfrage zu 'arbeiten'.

    Unzufriedenheits-Dilemma in der Arbeitswelt:
    Große Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit

    Unternehmen klagen zunehmend über die 'innere Kündigung' oder den 'heimlichen Ausstieg' von Mitarbeitern, über Motivationsprobleme und Frustgefühle am Arbeitsplatz. Als Hauptursache für die Unzufriedenheit auf Arbeitgeber- wie auf Arbeitnehmerseite gilt die große Kluft, die zwischen dem Arbeitnehmer-Wunsch und der Arbeitswelt-Wirklichkeit, die Unternehmen bieten können, besteht. Zwei von fünf Arbeitnehmern (42%) sind an beruflichen Aufstiegschancen interessiert. Doch nicht einmal die Hälfte von ihnen bekommt sie auch geboten (20%). Die Folge: jeder fünfte Arbeitnehmer (22%) bleibt motivational auf der Strecke - jobbt zwar weiter, ohne aber wirklich weiterzukommen. Mit steigendem Bildungs- und Ausbildungsniveau wird das Heer der Unzufriedenen in der Arbeitswelt von morgen eher größer.

    Die "Selbstverwirklichung" bleibt eine Legende

    Alle reden davon, viele träumen davon, aber nur wenige können sie in ihrer Arbeit erreichen - die "Selbstverwirklichung". Gesucht werden ganz persönliche Betätigungs- und Bestätigungsmöglichkeiten im Beruf, insbesondere Gelegenheiten, eigene Ideen und Zielvorstellungen zu verwirklichen und natürlich Erfolgserlebnisse zu haben, bei denen man sich selbst entfalten und persönlich weiterentwickeln kann. Doch Wunsch und Wirklichkeit klaffen erheblich auseinander. Fast drei Viertel aller Beschäftigten (72%) müssen enttäuscht eingestehen, dass sie sich derzeit in ihrer Arbeit nicht selbstverwirklichen können. Professor Opaschowski: "Die Selbstverwirklichung am Arbeitsplatz ist eine Legende und bleibt für die meisten Beschäftigten nur ein Wunschtraum. Viele verlagern deshalb 'heimlich' ihre Selbstverwirklichungswünsche in außerberufliche Lebensbereiche wie Hobby, Sport und Urlaubsreisen."

    An der Schwelle zum neuen Jahrtausend dient Arbeit dem Lebensunterhalt, bringt Abwechslung in das Leben, eröffnet neue Kontaktchancen und macht auch Spaß. Aber Arbeit als Lebenssinn und zentraler Identifikationsbereich, "wofür es sich zu leben lohnt", ist für die meisten Berufstätigen fast unerreichbar geworden. Erwerbsarbeit gehört für sie zum Leben, aber steht nicht mehr im Zentrum ihres Lebens.