Forschung aktuell, 151, 20. Jg., 30.11.1999

 Text als PDF downloaden

Quo vadis, Sonntag?

    Quo vadis, Sonntag?

    56 Prozent der Bevölkerung fordern Sonntagsruhe

    Der Sonntag ist den Deutschen lieb und heilig. Eine klare Absage erteilt die Bevölkerung allen Versuchen, den Sonntag zu einem Werktag wie jeden anderen zu machen: Einkaufen rund um die Uhr? Behördengänge erledigen? Oder gar arbeiten gehen? Die überwiegende Mehrheit der bundesdeutschen Bevölkerung (56%) will davon nichts wissen. Dies geht aus einer aktuellen Repräsentativumfrage des Freizeit-Forschungsinstituts der British American Tobacco hervor, in der 1.000 Personen ab 14 Jahren nach ihrer Einstellung zum Sonntag und ihren regelmäßigen Sonntagsbeschäftigungen gefragt wurden.

    "Das Grundgesetz lebt", so Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, der Leiter des Instituts. "Denn der Sonntag - in Artikel 140 des Grundgesetzes als Tag der Arbeitsruhe und seelischen Erhebung bezeichnet - wird von den meisten Bundesbürgern auch tatsächlich so gelebt." Drei Viertel der Bundesbürger halten sich sonntags regelmäßig in ihrer Wohnung oder in Wohnungsnähe auf. Lediglich 26 Prozent der Bevölkerung unternehmen etwa alle ein bis zwei Wochen einen Sonntagsausflug.

    "Ruhig, erholsam, einfach schön..."
    Die persönliche Bedeutung des Sonntags

    Das Freizeit-Forschungsinstitut der British American Tobacco erbringt den Nachweis, dass der Sonntag in Deutschland seine persönliche Bedeutung als der ruhigste Tag der Woche (1989: 41% - 1999: 38%), der erholsamste (1989: 43% - 1999: 34%) und der schönste Tag (1989: 38% - 1999: 30%) beibehalten hat - allerdings mit abnehmender Tendenz. So ist im Zeitvergleich der letzten zehn Jahre erkennbar, dass der Sonntag an Erholungswert verliert. Und auch der schönste Tag der Woche muss nicht immer der Sonntag sein. Opaschowski: "Der Konsum-Dreiklang von Shopping/Kino/Essengehen findet vielfach schon während der Woche oder vor dem Wochenende statt." Und auch dies zeigt die Untersuchung: Der Sonntag büßt zunehmend seinen Gemeinschaftscharakter ein. Nur mehr für etwa jeden achten Bundesbürger ist der Sonntag der geselligste Tag der Woche (1999: 13% - zum Vergleich 1989: 23%).
    Der deutsche Sonntag bleibt also im subjektiven Erleben der Bürger ein unverzichtbarer Ruhetag, ein schöner Tag - und nur eben manchmal ganz schön langweilig, nicht etwa für die Rentner (8%), sondern für die Jugendlichen: Für jeden fünften Jugendlichen im Alter von 14 bis 24 Jahren (21%) ist der Sonntag "der langweiligste Tag der Woche." So hat der Sonntag zwei Gesichter: Was die deutsche Sonntagsseele "gemütlich" nennt, also Ruhe, Harmonie und Geborgenheit, schließt im Einzelfall auch leere Stunden mit ein, die Jugendliche als Langeweile und alte Menschen als Einsamkeit empfinden können.

    Erlebniskultur statt Sonntagsheiligung?

    Wird die Sonntagsheiligung durch die Erlebniskultur ersetzt? Die Sonntagsrituale der Deutschen sprechen eine andere Sprache: Fast jeder fünfte Bundesbürger (19%) ist ein regelmäßiger Kirchgänger und besucht "mindestens zweimal im Monat" einen Gottesdienst. Auf einen Freizeitparkbesucher (7%) kommen mehr als zwei Kirchgänger. Selbst Besuche von Sportveranstaltungen (12%) oder Volksfesten (13%) finden deutlich weniger Resonanz, von Diskotheken (9%) oder Spielhallen (2%) ganz zu schweigen.

    Der Sonntag und insbesondere das Sonntags-Shopping sind in den letzten Monaten ins Gerede gekommen und haben ihre Spuren hinterlassen. Die Frage: "Was würden Sie sonntags am liebsten machen, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?" beantworten 22 Prozent der Bevölkerung mit "Einkaufen gehen", wofür sich am meisten die 14- bis 24-jährigen Jugendlichen (48%) begeistern, weil für sie Shopping ein Freizeiterlebnis ist. Hingegen wollen 81 Prozent der Bevölkerung ab 25 Jahren von Sonntagseinkauf nichts wissen. Die Diskussion um den Sonntagseinkauf kommt mindestens eine Generation zu früh.

    Technische Daten der Repräsentativumfrage

    Anzahl und Repräsentanz der Befragten:
    Deutschland, 1.000 Personen ab 14 Jahren

    Zeitraum der Befragung:
    12. bis 18. Oktober 1999