Forschung aktuell, 164, 23. Jg., 10.01.2002 (2)

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Start-up ins Leben

    Start-up ins Leben

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    <die bildungspolitik="" vor="" neuen="" aufgaben.&lt;br=""&gt;Selbstständigkeit im Leben und am Arbeitsplatz&lt;/die&gt;</h3>

    Die Frage, ob Selbstständigkeit im Beruf Veranlagung oder eine Folge der Erziehung oder der Einflüsse durch das soziale Umfeld ist, beantworten fast zwei Drittel der Selbstständigen (63%) mit dem Hinweis: "Erziehung zur Selbstständigkeit von früher Kindheit an" trage am ehesten zur beruflichen Selbstständigkeit bei. Die Bedeutung der elterlichen Erziehung wird als wegweisend für das ganze Leben angesehen. Vor allem die jungen Unternehmer unter 34 Jahren heben den Erziehungsfaktor (69%) hervor.

    Genauso hoch bewerten die Jungunternehmer als Motivation für die eigene Selbstständigkeit das Vorleben von Eltern oder Großeltern (69% - Selbstständige insgesamt: 61%), das zum Nach- und Selbermachen anregt. Als weitere bedeutsame Einflussfaktoren werden von der Gruppe der Selbstständigen genannt: Vorbilder im Freundeskreis (43%), besondere Kontaktfähigkeit, also gerne mit anderen Menschen umgehen wollen (43%) sowie frühe Förderung vielfältiger Interessen (50%).

    Auch ganz persönliche Negativerfahrungen in Familie, Schule oder Beruf können zur Antriebskraft für berufliche Selbstständigkeit werden. Fast jeder vierte Jungunternehmer unter 34 Jahren (23%) will "es den Eltern beweisen". Auch Fluchtbewegungen spielen bei den jungen Existenzgründern gelegentlich eine Rolle. Einige bewerten ihre Berufsentscheidung als "bewusste Flucht aus familiärer Enge" (5%), als "Flucht aus der autoritären Schule" (9%) oder als "Reaktion auf die negativen Erfahrungen der Eltern am Arbeitsplatz" (14%).

    Eine künftige Kultur und Pädagogik der Selbstständigkeit muss immer zwei Erziehungsziele im Blick haben: Die Selbstständigkeit als Person und die Selbstständigkeit im Beruf. In diese Richtung zielen auch die Vorschläge der Selbstständigen selbst. Sie fordern von der Schule "mehr Projekte mit Ernstcharakter zum Lernen von Verantwortung" (41%). Dies muss, so meinen die Selbstständigen, auch mit einer neuen Lehrerrolle einhergehen. Lehrer sollen mehr als bisher Berater- und Pädagogenaufgaben (36%) übernehmen. Dabei sollten sie in ihrer Arbeit durch "real Berufstätige (z.B. Handwerker)" unterstützt werden (32%).

    Sehr nachdenklich stimmt in diesem Zusammenhang eine Forderung der Selbstständigen: Nicht weniger, sondern eher mehr Musik-, Kunst-, Theater-, Sport-, Religions- und Philosophieunterricht (27%) in der Schule anbieten. Eine geradezu antizyklische Forderung im Hinblick auf die Tatsache, dass derzeit vor allem im musisch-kulturellen Bereich Sparmaßnahmen vorgenommen werden. Für das Lernen von Selbstständigkeit haben aber gerade diese Fächer große lebenspraktische Bedeutung. Sie dienen als Vorfeld für die Gewinnung von Erfahrung selbstständigen Arbeitens in den verschiedensten Formen: Spiel mit Arbeitscharakter, Arbeit mit Spielcharakter und auch Arbeit mit Ernstcharakter. Das kann Neigungs- und Interessengruppenarbeit genauso sein wie das Erlernen von Eigenaktivität in Schülerinitiativen, Selbsthilfe- und Gemeinschaftsaktionen.

    Selbstständigkeit in Deutschland hat zwei Gesichter:

    • Mit dem Trend zur Individualisierung des Lebens unmittelbar verbunden ist eine wachsende Bedeutung des Leitbilds Lebensunternehmer. In Kindheit, Jugend, Familiengründung und Ruhestand wird das "Unternehmen Selbstständigkeit" zur lebenslangen Herausforderung für jeden einzelnen.
    • Und im Berufsleben träumen insbesondere junge Existenzgründer davon, endlich ihr "eigener Herr" und nicht mehr "jedermanns Sklave" zu sein. Die berufliche Wirklichkeit gleicht einer Gratwanderung: Mal Bootsführer im eigenen Boot und mal Mädchen für alles, mal Jäger und mal Jagdbeute, mal Boss und mal Marionette. Start-up ins Berufsleben kann auch heißen, selbstständig Fäden zu ziehen, die von anderen gezogen werden.

    Selbstständigkeit im Beruf, die große Hoffnung des 21. Jahrhunderts, hat sich bisher nicht erfüllt. Viele Selbstständige leiden unter der Übermacht staatlicher Bürokratiehemmnisse und steuerlicher Benachteiligungen, wozu auch die mangelnde soziale Absicherung im Alter gehört. So münden manche Negativerfahrungen in die Feststellung: "Man steht mit dem einen Bein in der Irrenanstalt, mit dem anderen im Sozialamt."

    So sehr sich bisher in der Bevölkerung die Bereitschaft zur Übernahme unternehmerischer Risiken in Grenzen hält, so sehr nimmt andererseits die Lust an mehr Selbstständigkeit im Leben und als Unternehmer am Arbeitsplatz zu. Das 21. Jahrhundert kann durchaus eine neue Kultur der Selbstständigkeit hervorbringen, wenn sie frühzeitig durch Vorleben im Elternhaus und Einüben in der Schule erlebt und gelebt wird. Bisher wurde Selbstständigkeit im Leben und am Arbeitsplatz nach Meinung einer deutlichen Mehrheit der Bevölkerung "nicht gerade gefördert" (68%). Die Bildungspolitik ist daher in besonderer Weise gefordert, damit Erziehung zur Selbstständigkeit "das" Bildungsziel des 21. Jahrhunderts werden kann. Eine Lebenshaltung der Unselbstständigkeit und des Abschiebens von Verantwortung hat in Zukunft keine Zukunft mehr.

    Das Buch "Start-up ins Leben. Wie selbstständig sind die Deutschen?" von Horst W. Opaschowski ist ab sofort im Buchhandel (Germa Press Verlag Hamburg, ISBN 3-924 865-37-X) oder im Internet unter www.bat.de für EUR 17,80 erhältlich.

    siehe auch Verzeichnis aller Publikationen