Forschung aktuell, 193, 27. Jg., 19.09.2006

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BAT Freizeit-Forschungsinstitut veröffentlicht Zukunftsstudie

    BAT Freizeit-Forschungsinstitut veröffentlicht Zukunftsstudie

    Vertrauen. Verlässlichkeit. Verantwortung.
    Die neue Sehnsucht der Deutschen nach Sinn und Sicherheit.

    Das vielfach beklagte Jammern über Werte- und Orientierungsverluste, haltlose Kinder und ratlose Eltern hat in Deutschland bald ein Ende. Die Bundesbürger richten sich wieder auf verbindliche Spiel- und Verhaltensregeln ein und erwarten mehr werteorientierte Erziehungsziele und Gebote. Als wichtigste Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft gilt die mehrheitliche Aufforderung der Bevölkerung, die Kinder zu „dauerhaften Bindungen zu ermutigen“ (54%) und zugleich für ein „verlässliches soziales Netz“ von Nachbarn und Freunden Sorge zu tragen (53%). Vor dem Hintergrund wachsender sozialer Probleme geben ebenso viele Bundesbürger als notwendige Lebensregel für die Zukunft aus: „Hilf anderen, damit auch dir geholfen wird“ (53%). Dies geht aus einer neuen Studie des BAT Freizeit-Forschungsinstituts hervor, die Bundesministerin Dr. Ursula von der Leyen (CDU) gemeinsam mit dem Wissenschaftlichen Leiter des Instituts Prof. Dr. Horst W. Opaschowski heute in Berlin vorstellte. 2.000 Personen ab 14 Jahren wurden nach ihren Erziehungszielen und Werteorientierungen gefragt. Die Studie „Das Moses-Prinzip. Die 10 Gebote des 21. Jahrhunderts“ erscheint jetzt im Buchhandel (Gütersloher Verlags-haus).

    Prosoziale Werte: Von der Beliebigkeit zur Beständigkeit.
    Ehrlichkeit ist die wichtigste Tugend der Deutschen

    „Anstelle von Verunsicherungen und Vertrauensverlusten suchen die Menschen wieder nach Sinn und Sicherheit im Leben“, so Professor Opaschowski. „Prosoziale Werte prägen das Bild der Zukunftsgesellschaft.“ Ehrlichkeit (79%), Verlässlichkeit (64%) und Hilfsbereitschaft (64%) befinden sich in der Werteskala ganz obenan. Überraschend hoch im Kurs stehen auch konventionelle Werte wie Höflichkeit (59%) sowie Anstand und gutes Benehmen (61%).

    Am Ende der Hierarchie rangiert mittlerweile in der „Wert“-Schätzung der Bevölkerung die Kritikfähigkeit (39%), die in der Nach-68er-Zeit bis in die achtziger Jahre hinein noch einen Spitzenplatz (1982: 74%) einnahm und seinerzeit so genannte „Sekundär“-Tugenden wie Fleiß (1982: 51%) und Pflichterfüllung (1982: 45%) zu verdrängen drohte. Heute hingegen haben nach Meinung der Bevölkerung Werte wie Fleiß (57%), Pflichterfüllung (55%) und Disziplin (55%) wieder wachsende Bedeutung.

    „Auch für die Jugend steht die 68er-Spontaneität des Tanzes um das eigene Ego nicht mehr im Zentrum ihres Lebens“, so Institutsleiter Opaschowski. „Statt Werteverfall kündigt sich ein neuer Zeitgeist an: Selbstdisziplin steht der Selbstverwirklichung nicht mehr im Wege.“ Für die junge Generation bis zu 34 Jahren hat die Verantwortungsbereitschaft (53%) sogar eine größere Bedeutung als das Durchsetzungsvermögen (45%). Das altdeutsche Sprichwort „Jugend hat keine Tugend“ hat sich überlebt. Ganz im Gegenteil: Die Jugend schätzt und lebt die Tugenden von Vertrauen (45%), Verlässlichkeit (52%) und Verantwortung (53%).

    Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erfahren tradierte Werte eine Renaissance, aber nicht als bloßer Retro-Trend im Sinne eines Zurück in die fünfziger und sechziger Jahre. Opaschowski: „Ganz im Gegenteil: Das moderne Lebenskonzept zeichnet sich durch eine Wertesynthese aus, in der scheinbare Gegensätze miteinander verbunden werden.“ Zu Fleiß (57%) und Durchsetzungsvermögen (50%) gesellen sich ganz selbstverständlich Toleranz (56%) und Gerechtigkeitsgefühl (55%).

    Gesteigerte Sicherheitsbedürfnisse:
    Freiheit durch Bindung

    Im Zentrum des Wertewandels stehen heute gleichermaßen Pflicht- und Selbstentfaltungswerte, die Antworten darauf geben, was Kinder wirklich brauchen. Es geht um die Lebensbalance zwischen Fördern und Fordern, Hilfsbereitschaft und Selbstdisziplin, Verantwortungsbereitschaft und Selbstvertrauen. Dieses Wertesystem gleicht einer gelungenen Symbiose aus Eigensinn und Gemeinsinn, lässt Selbstentfaltung zu und schließt Sozialverträglichkeit nicht aus, gewährt hinreichend Freiheitsspielräume und trägt zugleich den gesteigerten Sicherheitsbedürfnissen der Menschen Rechnung: Vom sicheren Arbeits- und Ausbildungsplatz über das Sicherheitsgefühl im Umfeld von Wohnung und Nachbarschaft bis zur Altersvorsorge und sicheren Rente.

    Noch bis in die neunziger Jahre hinein war die Jugend hin- und hergerissen zwischen Flucht aus der Verbindlichkeit und Sehnsucht nach Bindung sowie Abschied von sozialen Verpflichtungen und Suche nach eigenen Lebenskonzepten. Bei diesen Spannungen und Widersprüchen drohte sie aus dem inneren Gleichgewicht zu geraten, weil sie sich pragmatisch nur auf Zeit engagierte und wie im Geschäftsleben auf temporäre Allianzen schwörte. Bindungslosigkeit ging mit Orientierungslosigkeit einher.

    Heute sind wieder klare Lebensplanungen gefragt – wenn auch mit unterschiedlichen Akzentuierungen. Für Jugendliche ist der Freundeskreis am wichtigsten. Singles wollen sich mehr auf sich selbst verlassen und zum Lebensunternehmer werden. Kinderlose Paare richten ihr Lebenskonzept eher auf die Spannung zwischen Leistung und Lebensgenuss aus. Familien bauen ganz auf die Pflege und Intensität ihrer Beziehungen. Und für die ältere Generation hat der Selbsthilfe-Gedanke die größte Bedeutung: „Hilf anderen, damit auch dir geholfen wird.“

    Die Sehnsucht nach intakten sozialen Beziehungen („wie in der Familie“) sowie nach Halt und Geborgenheit wird wieder stärker. Die vermeintlich goldenen Zeiten der achtziger und neunziger Jahre, in denen Ichlinge glaubten, sich ihren Lebenssinn zwischen Beliebigkeit und Bindungslosigkeit selber basteln zu können, sind vorbei. Statt „Nähe durch Distanz“ heißt es wieder mehr „Freiheit durch Bindung“. Erst in Freiheit können Bindungen und Verbindlichkeiten langsam wachsen und sich festigen. Auf breiter Ebene setzt sich die Erkenntnis durch: Die Familie ist das Wichtigste im Leben. Die Familie ist die beste Lebensversicherung. Und: Die Familie bleibt lebenslang billig und barmherzig.

    So viel Geborgenheit und Sicherheit im Leben bekommt man aber nicht geschenkt und kann man auch nicht kaufen. Intakte und intensive Familienbeziehungen müssen schon gepflegt und vorgelebt werden: „Ermutige Kinder zu dauerhaften Bindungen!“ (54%). Dies ist die wohl realistischste und zugleich zukunftsrelevanteste Forderung der Bevölkerung heute, der bekundeten Verantwortungsbereitschaft auch ein erreichbares Ziel, eine Richtung und einen Sinn zu geben. Eltern, Großeltern und Geschwister werden hierbei die wichtigsten Wertevermittler sein müssen.

    Nach dem Moses-Prinzip leben:
    Stillstand und Phlegma überwinden

    Erstmals in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte der Club of Rome auf ein Dilemma hingewiesen: Viele Menschen reagieren äußerst irritiert und viel zu langsam auf die Wellen der gesellschaftlichen Veränderung. Ihre persönliche Lernfähigkeit kann kaum mit dem schnellen technologischen Wandel Schritt halten – in der Arbeitswelt genauso wie im privaten Lebensbereich. So ändern die meisten Menschen nur langsam ihre Alltagsgewohnheiten, ja oftmals ändern sich Verhaltensweisen auf breiter Ebene erst mit einer neuen Generation.

    In dem Buch „Das Moses-Prinzip“ weist der Autor Wege, wie der Stillstand in der Gesellschaft und auch das ganz persönliche Phlegma überwunden werden können. Er fordert zu wegweisendem Handeln auf, statt weiterhin bewegungslos in einer Art „Koma“ zu verharren oder nur auf den „Ruck“ von oben zu warten. Wegweisend kann hier das von Opaschowski entwickelte „Moses-Prinzip“ sein. Und das heißt: Eine Vorstellung, ja eine Vision vom guten Leben haben – und losgehen, um anzukommen. Wie Moses bei seinem Auszug aus Ägypten sollten dabei nicht die schnellsten Strecken und die kürzesten Wege gewählt, sondern auch Umwege in Kauf genommen werden. Opaschowski: „Ein klares Ziel vor Augen haben, Kurs halten und dabei auch Umwege nicht scheuen, um wirklich anzukommen, wohin wir eigentlich wollen. Das ist das handlungsleitende Prinzip von Moses gewesen.“ Wer eine bessere Gesellschaft haben will, muss mithelfen, eine bessere Gesellschaft zu schaffen.

    Ausblick: Weder einsam noch bindungslos.
    Eine neue Generation von Sinnsuchern

    Die Zukunft wird zunehmend der Sinnorientierung gehören – realisiert in der Formel: Von der Flucht in die Sinne zur Suche nach dem Sinn. Die Sinnorientierung wird zur wichtigsten Ressource der Zukunft und zu einer großen Herausforderung der Wirtschaft werden. Denn mit jedem neuen Konsumangebot muss zugleich die Sinnfrage „Wofür das alles?“ beantwortet werden. Professor Opaschowski: „Zukunftsmärkte werden immer auch Sinnmärkte sein – bezogen auf Gesundheit und Natur, Kultur, Bildung und Religion. Letztlich geht es um Lebensqualität. Wertebotschaften statt Werbebotschaften heißt dann die Forderung der Verbraucher, die sich auch als eine Generation von Sinnsuchern versteht.“ Von Konsumverzicht will sie wenig wissen, dafür umso mehr von der Werthaltigkeit des Konsums als Teil persönlicher Lebensqualität.

    Die Rückkehr der sozialen Verantwortung, die Bedeutungsaufwertung der Familie, die Entdeckung von Freunden, Nachbarn und Hausgemeinschaften als soziale Konvois und familienähnliche Netzwerke lassen für die Zukunft hoffen: Die meisten Menschen werden weder einsam noch bindungslos sein und bleiben wollen. Und im gleichen Maße, wie die staatlichen Hilfesysteme aus demografischen und ökonomischen Gründen eingeschränkt werden müssen, nimmt die Hilfs- und Verantwortungsbereitschaft der Bevölkerung zu.

    Das Moses-Prinzip als Kurs-Buch des Lebens anwenden, heißt, in der Zukunftsorientierung vorangehen und andere ermutigen, gleichfalls eigene Wege zu gehen und das jeweils Richtige zu tun. Die Menschen wollen und sollen sich wieder gegenseitig mehr helfen und nicht alle sozialen Probleme einfach dem Staat überlassen. Die Bürger spüren: Das Gebrauchtwerden tut ihrem Ego gut. Das Moses-Prinzip weist Wege in eine „wert“volle Zukunft, deren Werte tagtäglich zu beherzigen sind: Vertrauen schenken, Verlässlichkeit vorleben und Verantwortung übernehmen.

    Das Buch

    HORST W. OPASCHOWSKI: Das Moses-Prinzip. Die 10 Gebote des 21. Jahrhunderts

    ist im Buchhandel erhältlich: ISBN 3-579-6947-0, Gütersloher Verlagshaus 2006, 14,95 EURO