Forschung aktuell, 211, 30. Jg., 12.01.2009

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Wie Europäer ihre Zukunft sehen

    Wie Europäer ihre Zukunft sehen

    BAT Stiftung für Zukunftsfragen veröffentlicht neue Europastudie
    „Arbeiten ohne Ende.“ „Armut ohne Grenzen.“ „Leben ohne Sicherheiten.“

    Die Zukunft hat viele Gesichter, das „Europa der Vielfalt“ auch. Und doch gibt es zunehmend grundlegende Gemeinsamkeiten der Europäer, wenn es um die Einschätzung der eigenen Zukunftswirklichkeit geht. Im Zuge von Globalisierung und weltweiter Verflechtung der Finanzmärkte gleichen sich die Europäer in ihren Lebenseinstellungen und Zukunftserwartungen immer mehr an. Finanzkrise und wachsende Angst vor Rezession und Wohlstandsverlusten geben wenig Anlass zur Zuversicht. Statt hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen, erwarten die Europäer ebenso realistisch wie sorgenvoll eine grundlegende Wohlstandswende mit weitreichenden Folgen: Arbeiten ohne Ende, Armut ohne Grenzen und Leben ohne Sicherheiten.

    Befürchtet werden vor allem eine Preisexplosion der Güter des täglichen Lebens, insbesondere der Lebensmittel (61%) sowie eine größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich (57%) mit der Folge von Altersarmut (52%). Immer mehr Menschen werden in Zukunft auf Zweit- und Nebenjobs (50%) angewiesen sein oder gar „bis zum 75. Lebensjahr arbeiten müssen“ (41%). Und etwa jeder zweite Europäer sorgt sich um die sozialen Folgen von „Organisierter Kriminalität“ (49%). Dies geht aus der Europastudie der Stiftung für Zukunftsfragen – einer Initiative von British American Tobacco -  hervor, in der zeitgleich über 11.000 Personen ab 14 Jahren in den neun europäischen Ländern Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Österreich, Russland, Spanien und der Schweiz repräsentativ nach ihren Zukunftserwartungen gefragt wurden.

    Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, Wissenschaftlicher Leiter der BAT Stiftung für Zukunftsfragen: „Zukunftshoffnung können sich immer weniger Europäer leisten. Sie müssen erkennen, dass kein Land mehr allein in der Lage ist, die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Globalisierung zu meistern. Die Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung muss daher zur wichtigsten Zukunftsaufgabe europäischer Sozialpolitik werden. Andernfalls werden die Sozialausgaben einen immer größeren Teil des Bruttoinlandsprodukts verschlingen – auf Kosten von Wachstum, Innovation und technologischem Fortschritt.“

    Die auch als Buch im Primus Verlag (Darmstadt 2009) erschienene Europastudie „Wie die Europäer ihre Zukunft sehen“ enthält Antworten und Bewertungen von Zukunftsforschern aus elf Ländern. Unter der Forschungskoordination von Dr. Ulrich Reinhardt, Europaexperte der BAT Stiftung, wurde zeitgleich die Bevölkerung der genannten Länder zu acht Themenfeldern befragt: Arbeit, Sicherheit, Konsum, Integration, Bildung, Umwelt, Familie und das Verhältnis zwischen Arm und Reich.

    Dr. Ulrich Reinhardt: „Europas Zukunft steht am Scheideweg. Die Furcht der Bürger vor einer zunehmenden Teilung der Gesellschaft zeigt sich überall deutlich. Viele Bürger haben Angst, am Ende zu den Verlierern zu gehören.“ Im Zentrum der Erwartungen stehen Zukunftssorgen. Positive Erwartungen wie eine Vollbeschäftigung durch abnehmende Bevölkerungszahlen, gleiche Bildungschancen für alle Kinder (jeweils 16%) oder die Lösung von Hungersnöten durch genmanipulierte Lebensmittel (15%) werden dagegen lediglich von einer Minderheit der Europäer erwartet.

    Zukunft der Arbeit:
    Länger Arbeiten, höheres Renteneintrittsalter und Zweitjob

    Viele Europäer (50%) erwarten, in Zukunft mehr als einen Arbeitgeber zu haben und einem Zweit- oder Nebenjob nachzugehen. Durch die steigende Lebenserwartung wird sich auch das Renteneintrittsalter nach oben verschieben. Zwei Fünftel der Befragten (41%) sehen die meisten Arbeitnehmer bis zum 75. Lebensjahr arbeiten. Hoffnungen auf eine Reduzierung der Arbeitszeit durch eine Automatisierung hat dagegen nur jeder Fünfte (20%). Europa als Produktionsstandort wird zudem unter Druck geraten. Fast jeder Dritte (31%) sieht die Herstellung von Waren zum Großteil in Entwicklungsländern stattfinden.

    Zukunft des Konsums:
    Teure  Alltagsgüter, Onlineshopping und Leasingmentalität

    Fast zwei Drittel (61%) der Europäer rechnen mit höheren Preisen für Alltagsgüter. Ein Einsparen auch in Bereichen wie Lebensmittel oder Kleidung wird die Folge sein. Ein ausgiebiges Konsumverhalten zwischen Einkaufsbummel, Theater- und Restaurantbesuch erscheint dagegen unwahrscheinlich – nur eine Minderheit wird nicht primär auf den Preis schauen und stattdessen lieber Service und Beratung in Anspruch nehmen (16%). Ebenso wird der Verbraucher der Zukunft Produkte eher leasen als kaufen (24%), um sich nicht dauerhaft zu verschulden. Der Onlinekauf wird weiter zunehmen, aber auch 2030 erwartet nur gut ein Drittel der Befragten (36%), dass die meisten Konsumgüter im Internet erworben werden.

    Zukunft der Sicherheit:
    Angst vor Kriminalität und Überwachungsstaat oder persönliche Freiheit?

    Die organisierte Kriminalität bleibt das ungelöste Problem in Europa. Jeder zweite Europäer (49%) von London bis Rom, von Madrid bis Berlin, von Helsinki bis Zürich und von Wien bis Moskau nennt diese Sorge an erster Stelle. Kommen (latein-) amerikanische Verhältnisse auf uns zu? Werden auch in Europa bald ganze Straßenzüge und Wohnviertel von privaten Wachdiensten kontrolliert? Reinhardt: „Für die meisten Europäer sind heute Kameras in Kaufhäusern und Tankstellen, in Museen und Sportstadien, in Bahnhöfen und Innenstädten fast selbstverständlich. Schutz und Sicherheit scheinen wichtiger zu sein als die Sorge vor einer ständigen Überwachung und die Einschränkung des Privatlebens.“ Bereits ein knappes Drittel der Befragten (31%) glaubt zumindest, dass die eigene Sicherheit in Zukunft für viele Bürger wichtiger sein wird als die eigene Privatsphäre und jeder Vierte (24%) könnte sich auch vorstellen, 2030 einen elektronischen Chip zur Identifikation und Lokalisation zu tragen. Für mehr als ein Drittel der Europäer (35%) wird bis zum Jahr 2030 die Technik der Überwachungsmöglichkeiten sogar so weit fortgeschritten sein, dass Verbrecher dann direkt bei der Tat identifiziert werden können.

    Zukunft der Integration:
    Konfliktpotenziale und  Zukunftssorgen

    Die gelungene Integration von Ausländern ist eine der Herausforderungen der Gegenwart. Für die Zukunft sind zwar noch Konfliktpotenziale – wie Spannungen zwischen einzelnen Ausländergruppen (38%) – zu erwarten, allerdings werden Problemfelder nur von einer Minderheit der Befragten genannt. Auch die momentan oftmals angeführte bessere Integration von gebildeten Einwanderern scheint 2030 nicht mehr relevant zu sein. Nicht einmal jeder Vierte (23%) ist hiervon in Zukunft überzeugt.  Dagegen glaubt ein Drittel der Befragten (34%) an eine Zunahme der multinationalen Partnerschaften. Reinhardt: „Für eine gelungene Integration, die einer ausbalancierten Identität zwischen Herkunftskultur und Aufnahmekultur gleicht, sind Ausländer wie auch Einheimische gleichmäßig verantwortlich. Was diesem gemeinsamen Miteinander entgegenwirken könnte, wäre eine räumliche Abtrennung von einander. Diese Sorge teilen 35 Prozent der Europäer. Sie befürchten, dass die meisten Ausländer unter sich in bestimmten Stadtteilen wohnen werden“.

    Zukunft der Bildung:
    Lebenslanges Lernen – online oder auf privater Basis

    Bildung wird im 21. Jahrhundert zu einer zentralen Ressource jeder Nation, aber auch jedes einzelnen Bürgers werden. Das Verhältnis von Lebenszeit und Lernzeit wird neu definiert werden: Wer nicht weiterlernt, kommt auch in Zukunft nicht weiter. Die Formen der Bildung werden hierbei breit gefächert sein: So erwartet etwa ein Drittel der Bürger, dass wenigstens eine Weiterbildung pro Jahr selbstverständlich sein wird (31%). Einige glauben an Online-Vorlesungen von den besten Professoren an verschiedenen Hochschulen (33%) und jeder Fünfte (21%) erwartet, dass die Medien durch spezielle Bildungsprogramme Verantwortung übernehmen. Privatschulen erfreuen sich in allen europäischen Ländern einer steigenden Beliebtheit. „Ob PISA-Ergebnis, steigende Kriminalität oder die Hoffung auf eine bessere Förderung für die eigenen Kinder: Wer es sich leisten kann, schickt seinen Nachwuchs auf eine Privatschule. Bis 2030 erwartet über ein Drittel der Europäer mehr Privat- als staatliche Schulen (34%).“, so der Europaexperte Reinhardt.

    Zukunft der Umwelt:
    Wasser als Luxusgut und wenig Hoffnung auf ein Ende des Klimawandels

    Der Klimawandel hat vielfältige Auswirkungen: steigende Meeresspiegel, schrumpfende Gletscher, die Vergrößerung des Ozonlochs, Überschwemmungen, schmelzende Pole oder Hunger- und Dürreperioden. Die Hoffnungen der Europäer, dem Klimawandel durch technische Entwicklungen entgegenzuwirken, sind gering. Lediglich 16 Prozent glauben an eine entsprechende Lösung. In Europa wächst dagegen die Sorge um sauberes Wasser (42%) und auch ganz persönliche Begleiterscheinungen wie steigende Energienebenkosten (38%). Aber die Umweltsituation wird von vielen Europäern auch als entwicklungsfähig gesehen. So erwartet die Hälfte (50%) der Befragten eine Wiederverwertung des meisten Mülls und mehr als ein Drittel (37%) glaubt an regenerative Energieformen durch Sonne oder Wind.

    Zukunft der Familie:
    Ende der traditionellen Ehe, Work-Life-Balance und Internetdating

    Der traditionellen Familie mit Trauschein bescheinigen drei von fünf Befragten (60%) wenig Zukunft. Für sie werden die meisten Paare zusammen leben, ohne verheiratet zu sein. Dagegen wird sich die Gleichberechtigung von gleichgeschlechtlichen Paaren weiter fortsetzen. Allerdings erwartet auch 2030 nur eine Minderheit (42%) eine Gleichstellung. Zunehmende Bedeutung wird der Partnersuche im Internet zugestanden – 30 Prozent der Europäer erwarten einen Anstieg der Partnerschaft, die aus dem Internetdating entsteht. Eine steigende Kinderzahl auf zwei Kinder pro Frau erwartet lediglich ein Drittel der Europäer (32%). Ein Grund hierfür ist sicherlich, dass nur 34 Prozent an die Möglichkeit einer Vereinbarkeit von Beruf und Familie glauben. Auch der Überalterung Europas wird erste Rechnung getragen. Fast zwei von fünf Europäern (38%) gehen davon aus, 2030 mehr Tagesstätten für Senioren vorzufinden als Kindertagesstätten. 

    Zukunft des Verhältnisses von Arm und Reich:
    Kluft wird größer. Altersarmut und Mindesteinkommen

    Die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich nimmt in jedem europäischen Land weiter zu (57%). Und auch Altersarmut (52%) und ein nicht ausreichendes Einkommen, um für das Alter zu sparen (49%) sind Hauptsorgen der Europäer. In jedem befragten Land landen diese drei Problemfelder auf den ersten drei Plätzen. Die Hoffungen auf eine staatliche Lösung dieser Herausforderungen sind nur gering: lediglich jeder Sechste (16%) glaubt an bildungspolitische Programme, die zu gleichen Bildungschancen für alle Kinder führen. Und auch nur jeder Fünfte (20%) kann sich ein garantiertes staatliches Mindesteinkommen vorstellen. Immer mehr Bürger leben zwischen Wohlstandswunsch und Armutsangst. Die Bürger wollen ihren Lebensstandard in erster Linie „nur“ noch erhalten – an eine Steigerung glaubt kaum noch jemand.

    Fazit: Das Schlaraffenland ist abgebrannt

    Die vorliegende entstandene Untersuchung zu den Zukunftserwartungen der Europäer zeigt ein düsteres Bild. Vertrauen ist auf breiter Ebene verloren gegangen. Es überwiegt die Angst vor sozialem Abstieg und einer unsicheren Zukunft. Der Blick in die Zukunft ist für viele Europäer eher negativ und fast entmutigend. Gefordert sind alle gesellschaftlichen Bereiche, die Herausforderungen gemeinsam anzugehen. So müssen z.B. Politiker Rahmenbedingungen schaffen und mehr Zukunftsweitsicht zeigen, als nur in Legislaturperioden zu denken. Die Medien sollten sich ihrer Rolle als Meinungsmacher bewusst werden und verantwortlicher mit Inhalten umgehen und selbstverständlich ist auch jeder Einzelne gefordert, die Zukunft positiv zu prägen. Bekanntlich gibt es nichts Gutes – es sei denn man tut es.

    Forschungsinformationen/Buchhinweis

    Befragte Nationen: Österreich, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Russland, Schweiz, Spanien
    Stichprobengröße: Insgesamt 11.100 Personen ab 14 Jahren
    Methode: Repräsentative Face-to-Face-Befragungen über die Gesellschaft für Konsumforschung, Nürnberg (GfK)

    Die Publikation „Wie die Europäer ihre Zukunft sehen – Antworten aus neun Ländern“ ist ab sofort im Buchhandel zum Preis von 29,90 € erhältlich – Primus Verlag, ISBN 978-3-89678-802-3 (408 Seiten, 130 Grafiken/Tabellen). In der Veröffentlichung nehmen 20 Zukunftswissenschaftler Stellung zu den Erwartungen in neun verschiedenen Ländern.