Forschung aktuell, 138, 18. Jg., 02.12.1997

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Freizeit-Monitor 1997

    Freizeit-Monitor 1997

    Sparzwang bremst Aktivitätsdrang: Rückzug in die eigenen vier Wände?

    Bei fast allen Außer-Haus-Aktivitäten, die mit Geldausgeben verbunden sind, ist in den letzten fünf JahrenStagnation oder gar Rückgang feststellbar. Nach einer aktuellen Analyse des Freizeit-Forschungsinstituts der British American Tobacco leisten sich im Zeitvergleich der Jahre 1992 und 1997 weniger Bundesbürger einen Einkaufsbummel (-4 Prozentpunkte), einen Kinoabend (-3) oder einen Besuch von Sportveranstaltungen (-2) und Volksfesten (-4). Auf stagnierende bzw. tendenziell leicht rückläufigeBesucherzahlen mußten sich im Vergleich zu Anfang der neunziger Jahre auch Restaurants (-1) und Freizeitparks (-1)einstellen. Repräsentativ befragt wurden 3.000 Personen ab 14 Jahren zu über fünfzig Freizeitaktivitäten.

    "Das neue Erlebniszeitalter gleicht derzeit mehr einem Sparzeitalter", so Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, wissenschaftlicher Leiterdes Forschungsinstitutes. "Die Deutschen werden – wider Willen – zum Rückzug in die eigenen vier Wände gezwungen. "Die Muße, die nichts kostet, wird zum Muß für viele, deren Freizeitbudget immer knapper wird. Nach der Hektik und dem Stress der letzten Jahre ist jetzt mehr Ruhe und Beschaulichkeit zwischen Fernsehen, Zeitungslesen und Radiohören angesagt. Der Sparzwang bremst den Aktivitätsdrang nach draußen. Der Medienkonsum in den eigenen vier Wänden profitiert davon. Dies ist nicht unbedingt ein neuer Freizeittrend, eher eine vorübergehende Anpassung an Zeiten, in denen man finanziell den Gürtel enger schnallen muß. Viele Freizeitwünsche werden aufgeschoben, nicht aufgehoben. In einer Zeit der großen technologischen, politischen und sozialen Umbrüche gewinnen die Menschen durch den mehr erzwungenen Rückzug wieder ein wenig Ruhe und Entspannung zurück.

    Wir sind ein Volk mit vielen Gesichtern

    Bei einer geographischen Zuordnung der Befragten zu den vier Regionen Nord-, Ost-, Süd- und Westdeutschland zeigen sich ganz unterschiedliche Ausprägungen im Freizeitverhalten der Bundesbürger. "Ein einheitliches Lebensgefühl der Deutschen gibt es nicht", so Institutsleiter Opaschowski. "Es lebt vielmehr von der Vielfalt seiner Regionen und der Tradition seiner Feste, seines Vereinslebens und seiner landsmannschaftlichen Verbundenheit".

    So gehört wie bei keiner anderen regionalen Bevölkerungsgruppe Deutschlands der Kirchen- und Kneipenbesuch bei den Süddeutschen zu den liebgewordenen Alltagsgewohnheiten. Jeder vierte Süddeutsche geht regelmäßig in die Kirche (24 %) – mehr als doppelt so viele wie zum Beispiel in Ostdeutschland (10 %). Und genauso viel Gefallen finden die Süddeutschen am Kneipenbesuch (27 %). In der Freizeit auf dem Fahrrad sitzt man im Vergleich der Regionen am meisten in Norddeutschland (45 %). Und hier geht man auch eher ins Restaurant (36 %) als in die Kneipe (20 %). Die Freizeit der Ostdeutschen hingegen findet mehr als in anderen Regionen zwischen Datscha und Do-it-yourself statt. Aus Tradition, aber auch aus finaziellen Gründen konzentriert sich die Feierabendgestaltung auf das Heimwerken (26 %) und die Gartenarbeit (44%).

    Opaschowski: "Der deutsche Freizeitalltag zeigt deutlich regionale Besonderheiten, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. "Überregionale Gemeinsamkeiten entwickeln sich oft erst durch gemeinsame Erlebnisse, wenn der Preuße auf dem Oktoberfest weilt oder der Bayer beim rheinischen Karneval zu Gast ist.

    Freizeit im Paarlauf?
    Süddeutsche und Österreicher im Vergleich

    Aufschlußreich ist auch ein Zwei-Länder-Vergleich: Die regionalen und mentalen Grenzen zwischen Allgäu und Tirol, Oberbayern und Salzburg, Niederbayern und dem österreichischen Inn- und Mühlviertel sind fließend und subjektiv kaum wahrnehmbar. "Ich fahre immer gerne nach Bayern, da bin ich nicht mehr in Österreich, aber auch noch nicht in Deutschland". Für diesen ironischen Ausspruch erhielt Bruno Kreisky, Österreichs früherer Bundeskanzler, den Karl-Valentin-Orden. Was wie ein Klischee erscheint, ist weitgehend Wirklichkeit. Süddeutsche und Österreicher absolvieren viele Freizeitaktivitäten geradezu im Paarlauf. Vom täglichen Fernsehen (Süddeutsche: 88 % – Österreicher: 87 %) über das Hobby (S: 25 % – Ö: 24 %) bis zur PC-Nutzung (S: 17 % – Ö:18 %), vom Volksfestbesuch (S: 14 % – Ö: 16 %) bis zum Flohmarktbesuch (S: 9% – Ö: 10%) unterscheiden sie sich nur in Nuancen.

    In einer repräsentativen Vergleichserhebung befragte das Hamburger Freizeit-Forschungsinstitut der British American Tobacco zusammen mit dem Ludwig Boltzmann Institut, Wien, zusätzlich 2.000 Personen ab 15 Jahren in Österreich. Dabei zeigten sich aber auch auffällige Unterschiede im Freizeitverhalten der Österreicher und der bundesdeutschen Bevölkerung insgesamt.

    Im Vergleich zu den Österreichern wirkt das Freizeitverhalten der Deutschen geradezu heimzentriert: Vieles spielt sich in den eigenen vier Wänden ab – zwischen Fernsehen und Telefonieren, Bücherlesen und Briefeschreiben. Gemütlichkeit und Beschaulichkeit dominieren nach Feierabend. Ganz im Gegensatz dazu geben sich die Österreicher nach der Arbeit geradezu outdoor-orientiert: Mehr als doppelt so viele Österreicher demonstrieren Aktivität und Rastlosigkeit rund um die Uhr. Sie treiben im Vergleich zu den Deutschen mehr Sport (+6 Prozentpunkte), finden deutlich mehr Gefallen am Wandern (+9) und unternehmen mehr mit Freunden (+9). Dazu Professor Opaschowski: "Aktivität, Mobilität, Geselligkeit – das sind die prägenden Merkmale des Freizeitverhaltens der Österreicher."

    Offen bleibt jedoch die Frage: Feierabend zu Hause oder Freizeit außer Haus – was macht glücklicher? Die "ideale Freizeit" gleicht immer einem Spagat: Soviel Aktivität wie möglich, soviel Ruhe wie nötig.