Current Research, 318
June 4, 2026

Aktuell bekommen hierzulande 100 Frauen 135 Kinder, vor zehn Jahren waren es noch 159. Die zunehmende Kinderlosigkeit in Deutschland ist vor allem ein Ausdruck wachsender Unsicherheit – nicht fehlender Familienwünsche. Wer keine Kinder bekommt, nennt meist nicht nur einen Grund, sondern eine ganze Reihe von Vorbehalten, die sich gegenseitig verstärken. So nennen zwei Drittel als Grund gegen Kinder den hohen finanziellen Aufwand. Eine Mehrheit nennt aber auch die Sorge um eine sichere Zukunft der Kinder, den Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit sowie fehlende staatliche Voraussetzungen.
Zeitvergleich: Unsicherheit verdrängt berufliche Argumente
Im Zehnjahresvergleich treten vor allem drei Verschiebungen hervor: Die Sorge um eine gute Zukunft der Kinder gewinnt deutlich an Bedeutung (+13 %), ebenso der Hinweis auf fehlende staatliche Voraussetzungen (+14 %). Zugleich werden berufliche Argumente deutlich seltener genannt: Dass sich Karriere nur schwer mit Familie vereinbaren lasse, verliert an Bedeutung (-8 %), ebenso die Aussage, beruflicher Erfolg sei wichtiger als Familiengründung (-12 %).
Professor Dr. Ulrich Reinhardt, wissenschaftlicher Leiter der Stiftung, sagt hierzu:
„Nicht berufliche Gegensätze zur Familie stehen heute im Vordergrund, sondern fehlende Rahmenbedingungen. In einer Zeit gefühlter Unsicherheit sorgen sich viele Bürger, ob die eigenen Kinder noch sicher und in Wohlstand leben werden.“
Frauen warten auf Verlässlichkeit, Männer auf die Karrierepause
Bei den Geschlechterunterschieden zeigen sich ebenfalls klare Akzente: Frauen nennen neben den Rahmenbedingungen häufiger den fehlenden Partner, was auf veränderte Partnerschafts- und Bildungsbiografien verweist. Männer geben dagegen häufiger an, die berufliche Karriere zu priorisieren. Familiengründung hängt für viele Frauen damit stärker von verlässlichen äußeren Bedingungen und einer passenden Partnerschaft auf Augenhöhe ab.
Kinderlose: Selbstbestimmt statt familiengebunden
Bei kinderlosen Bürgern konzentrieren sich die Gründe gegen Nachwuchs vor allem auf den eigenen Lebensentwurf und auf die Voraussetzungen, unter denen Familiengründung für sie überhaupt vorstellbar erscheint. Besonders häufig genannt wird der Wunsch, frei und unabhängig zu bleiben. Kinderlosigkeit ist für sie kein bloßer Verzicht, sondern häufig eine bewusste Entscheidung zugunsten von Selbstbestimmung und offeneren biografischen Optionen.
Hinzu kommt die hohe Bedeutung der Partnerschaftsfrage. Der fehlende richtige Partner zählt für viele Kinderlose zu den zentralen Hürden auf dem Weg zur Familie. Reinhardt:
„Familiengründung setzt aus Sicht vieler Kinderloser nicht nur den Wunsch nach Kindern voraus, sondern auch eine stabile Beziehung, die Verlässlichkeit, gemeinsame Perspektiven und eine tragfähige Alltagsbasis bietet. Wo diese Voraussetzung fehlt, wird Elternschaft verschoben oder ganz verworfen.“
Als dritter Punkt bleibt der finanzielle Aufwand prägend. Kinder gelten als kostspielig, und gerade aus Sicht Kinderloser verbindet sich dieser Gedanke mit der Sorge, eigene Freiräume, Konsummöglichkeiten und Zukunftspläne einschränken zu müssen.
Fazit: Familie braucht gute Bedingungen – und den Mut, sie zu nutzen
Am Ende verdichtet sich aus den Ergebnissen ein klares Bild: Kinderlosigkeit ist heute weniger Ausdruck eines fehlenden Familienwunsches als Folge wachsender Unsicherheit und hoher Anforderungen an die Bedingungen von Familiengründung. Nicht ein einzelner Hinderungsgrund gibt den Ausschlag, sondern das Zusammenwirken von finanziellen Vorbehalten, Zukunftssorgen, Freiheitsansprüchen und biografischen Unsicherheiten.
Zugleich machen die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sowie zwischen Kinderlosen und Eltern sichtbar, wie verschieden die Perspektiven auf Nachwuchs ausfallen können. Gefordert sind daher Politik und Wirtschaft, verlässliche und gute Rahmenbedingungen zu schaffen – aber auch die Bürger selbst, den Mut zur Familiengründung aufzubringen. Denn wenn gesellschaftliche Rahmenbedingungen verlässlicher werden, Partnerschaften stabiler und gleichberechtigter erlebt werden und die Zukunft wieder stärker planbar erscheint, dürfte auch die Bereitschaft zunehmen, sich Familie nicht nur zu wünschen, sondern sie tatsächlich zu gründen.


