Forschung aktuell, 194, 27. Jg., 02.11.2006

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Angst vor der Familiengründung. Immer mehr junge Männer verweigern sich

    Angst vor der Familiengründung. Immer mehr junge Männer verweigern sich

    Deutschland hat nur noch halb so viele Kinder wie vor vierzig Jahren. Andererseits war die Bedeutung der Familie in den letzten Jahren noch nie so hoch wie heute, weshalb in der Sozialforschung eine „Renaissance der Familie“ prognostiziert wird. Immer mehr junge Leute legen Wert auf die Familie, meinen damit aber weniger die eigene, sondern eher die Herkunfts- und Elternfamilie („Hotel Mama“). Vor allem junge Männer wollen von Familiengründungen immer weniger wissen, weil ihnen ihre persönlichen Freizeitinteressen wichtiger sind (2003: 34% - 2006: 43%). Dies geht aus einer aktuellen Repräsentativbefragung des BAT Freizeit-Forschungsinstituts hervor, in der 2.000 Personen ab 14 Jahren nach ihren Lebensplänen gefragt wurden.

    „Viele junge Männer haben im 21. Jahrhundert ihr persönliches Lebenskonzept noch nicht gefunden“, so Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, der Wissenschaftliche Leiter des Instituts. „Ihre Rolle als Familienoberhaupt haben sie weitgehend verloren. Und als Haupternährer werden sie immer weniger gebraucht. Immer mehr Frauen stehen dagegen erfolgreich ihren ‚Mann’ – und zwar gleichzeitig beruflich und privat. So ziehen sich die jungen Männer in ihre eigene Interessenwelt zurück und machen von ihrem Zeugungsverweigerungsrecht Gebrauch.“ Vier von zehn jungen Männern im Alter von 18 bis 39 Jahren vertreten die Auffassung: „Meine persönlichen Freizeitinteressen (Sport, Hobbys, Urlaubsreisen) sind mir wichtiger als Heiraten und eine Familie gründen.“ Der Anteil der männlichen Familiengründungsverweigerer hat in den letzten drei Jahren von 34 auf 43 Prozent deutlich zugenommen und ist mittlerweile fast doppelt so hoch wie bei den jungen Frauen (2003: 22% – 2006: 23%). Die demographischen Folgen lassen nicht auf sich warten: Ein Drittel der Bevölkerung bleibt lebenslang kinderlos.

    Mehr Familie wagen? Angst vor der Verantwortung

    Im 7. Familienbericht (2006) des Bundesfamilienministeriums wird an die junge Generation appelliert: „Mehr Familie wagen!“ Tatsächlich betrachten viele junge Leute heute die Familiengründung als Wagnis – so wie früher „mit der Familie auswandern“ ein Lebensrisiko war. In unsicheren Zeiten, in denen es keine Ausbildungs- und Beschäftigungsgarantien mehr gibt, wird es immer schwieriger, der jungen Generation Mut zu machen, für ihre Zukunft langfristig zu planen und sich wieder für Kinder zu entscheiden.

    „In der aktuellen Diskussion über die Emanzipation der Frau und ihre Doppelbelastung kommt die Rolle des Mannes viel zu kurz“, so Professor Opaschowski. „Offensichtlich fehlt vielen jungen Männern der Mut, sich lebenslang um Kinder zu kümmern und familiäre Verantwortung zu übernehmen. Viele sind dazu noch nicht bereit oder fühlen sich noch nicht so weit.“ Und je höher der Bildungsabschluss ist, desto größer ist auch die Angst vor der Verantwortungsübernahme. Eine deutliche Mehrheit der jungen Männer mit gymnasialem Abschluss (56% - Frauen: 34%) verweigert die Familiengründung, was auch die hohe Kinderlosigkeit unter Akademikern erklärt.

    Sich einschränken müssen?
    Angst vor dem Wohlstandsverlust

    Auch Angst vor der Armut oder Angst vor dem Wohlstandsverlust gibt es bei den jungen Männern, aber überwiegend nur bei den Geringerverdienenden (unter 1.250 Euro monatliches Nettoeinkommen: 54%) und bei den Besserverdienenden (über 2.500 Euro: 53%). Opaschowski: „Die größte Zufriedenheit herrscht in der Mitte, wo es weder Not noch Überfluss gibt.“

    Hinter der Verweigerungshaltung der jungen Männer verbirgt sich auch die Angst, den einmal erworbenen und verdienten Lebensstandard nicht halten zu können. Mit dem befürchteten Wohlstandsverlust ist schließlich auch ein Gesichtsverlust verbunden – gegenüber Freunden, Nachbarn und Kollegen.

    In Wohlstandszeiten aufgewachsen haben vor allem junge Männer Umstellungsschwierigkeiten und sind daher weniger bereit, sich in den persönlichen Freiheiten einzuschränken. Die Befürchtung ist groß, sich selbst aufgeben zu müssen. So wird ihr Interessenkonflikt immer größer: Die Sehnsucht nach Familie wächst im gleichen Maße, wie der Wunsch nach eigenen Kindern sinkt. Opaschowski: „Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die in der öffentlichen Diskussion bisher als Haupthindernis für die Verwirklichung des Kinderwunsches galt, muss um die Wohlstandsfrage erweitert werden: Wie viel Konsumverzicht hat der Kin-derwunsch zur Folge? Die Erfahrungswerte sprechen schließlich für sich: Eine Eigentumswohnung soll heute schon so teuer wie zwei Kinder sein. Beide machen knapp ein Drittel des Nettoeinkommens aus.“

    Öffentlichkeitswirksame Überzeugungsarbeit in der Familienpolitik und „Mutmachen“ und „Vorleben“ in der Familienerziehung sind erforderlich. Nur dann kann die Familiengründung als eine Aufgabe empfunden werden, für die es sich zu leben lohnt, ohne dass dabei die persönlichen Interessen zu kurz kommen. In den schnelllebigen Zeiten des 21. Jahrhunderts müssen wohl „Mutterglück“ und „Vaterfreuden“ neu definiert werden: Sie bringen einen Beständigkeitsfaktor ins Leben.

    Und auch die Wirtschaft ist gefordert. Wenn sie wirklich ein ernsthaftes Interesse daran hat, künftig mehr für „familienbewusste Arbeitsstrukturen“ zu sorgen, dann darf sie auch vor dem „Vaterbewusstsein“ nicht Halt machen. Das fängt mit den zwei „Partnermonaten“ beim Elterngeld an und hört mit Teilzeitarbeit oder zeitweiligem Job-Sharing auf. Nur so bekommen die Männer die Chance, wie die Frauen eine Doppelkompetenz zu erwerben und die zwei Zukunftsfragen des Lebens positiv beantworten zu können: „Wie erfolgreich sind Sie im Beruf?“ Und: „Wie viel Zeit nehmen Sie sich für Kinder und Familie?“ Dieser doppelt kompetente „neue Mann“ ist einstweilen noch eine Minderheit. Aber Neuerungen künden sich immer bei Minderheiten an.