Zwischen Vernetzung und Vereinsamung: Der Einfluss digitaler Medien auf persönliche Interaktionen

Chart der Woche, 2023-KW49

7. Dezember 2023

 

 

Ergebnis

Die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft beeinflusst nicht nur den Arbeitsmarkt, sondern auch den privaten Bereich, die Freizeit und die zwischenmenschlichen Begegnungen. Aktuell sind mehr als drei von vier Bürgern der Meinung, dass die sozialen Kontakte unter dieser Entwicklung leiden bzw. weniger werden und zu einer zunehmenden Vereinsamung der Menschen führen.
Beim Blick auf die Vergleichszahlen zeigt sich zweierlei: Einerseits wurde diese Sichtweise vor einem Vierteljahrhundert von „nur“ der Hälfte der Bevölkerung geteilt, anderseits hat sich der Wert in den letzten fünf Jahren aber auch verringert und ist aktuell auf dem gleichen Niveau wie vor zehn Jahren.

 

Gründe

Unsere Gesellschaft wird immer stärker durch die voranschreitende Medialisierung und Digitalisierung geprägt und zeigt sich in der mittlerweile alltäglichen Nutzung digitaler Medien wie Computer, Tablets, Smartphones, Fernsehprogramme, Streamingdienste, Internetseiten, Computerspiele, Apps oder Social Media Angebote. Diese Flut an Angeboten führt bei einer großen Mehrheit der Bevölkerung zu einem Gefühl der Überforderung und reduzierten persönlichen Kontakte mit anderen. Sie bedauern die abnehmende soziale Nähe, die Einschränkung nonverbaler Konversation und die reduzierte Zeit für längere Gespräche. Gleichzeitig sehen viele in der digitalen Welt die Gefahr, sich zu verlieren, zu isolieren, zu anonymisieren und reale Kontakte zu minimieren.

Die Altersunterschiede in der Wahrnehmung dieser Entwicklung sind dabei signifikant. Jüngere, die als „digital Natives“ mit diesen Medien aufgewachsen sind, nutzen die Möglichkeiten virtueller Kontakte intensiver. Dennoch kritisieren auch sie die Instabilität und Flüchtigkeit dieser Kontakte, ebenso wie die Risiken von Cybermobbing, Datenschutzmissbrauch oder sozialer Kontrolle durch digitale Netzwerke. Ältere Mitbürger fühlen sich zudem durch die rasante technische Entwicklung oft überfordert oder sogar digital abgehängt und allein gelassen.

Der Rückgang seit 2018 kann auf unterschiedliche Gründe zurückgeführt werden. Viele Bürger haben sich an digitale Kommunikationsmittel gewöhnt und Wege gefunden weiterhin enge soziale Bindungen aufrechtzuerhalten. Auch hat sich die Qualität und Zugänglichkeit digitaler Kommunikation in den letzten Jahren verbessert und besonders die Weiterentwicklungen im Bereich der Videokommunikation (Zoom, Facetime, Videoanrufe etc.) lenken den Fokus weg vom geschriebenen Wort und wieder hin zu verbaler Kommunikation. Zudem hat das gestiegene Bewusstsein für die Problematik und das Risiko zur Vereinsamung bei einigen dazu geführt, mehr Zeit und Energie in die Pflege von persönlichen Kontakten zu investieren und digitale Medien ausgewogener zu nutzen.

 

Prognose

Die Art und Weise wie kommuniziert wird, hat sich durch die Digitalisierung zweifellos stark verändert und wird auch zukünftig von ihr maßgeblich beeinflusst werden. Solange wir mit dem Smartphone online sind, sind wir für jeden erreichbar und können problemlos auf alle verfügbaren Kontakte zugreifen. Diese ständige Erreichbarkeit vermittelt einerseits ein Gefühl nie allein zu sein, anderseits nehmen genau hierdurch auch die Anonymisierung und Vereinzelung in der Gesellschaft zu, nämlich dann, wenn der virtuellen Welt mehr Beachtung geschenkt wird als der realen.
Für die Zukunft entscheidend wird sein, inwieweit Maßnahmen ergriffen werden, um die (durchaus vorhandenen) positiven Aspekte der Digitalisierung zu maximieren und gleichzeitig die negativen Auswirkungen auf soziale Beziehungen zu minimieren.
Von besonderer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang:

 

  • Anpassung der Bildungssysteme: Schulen und Universitäten müssen eine Schlüsselrolle spielen, indem sie digitale Kompetenzen vermitteln, die über den technischen Umgang mit digitalen Medien hinausgehen. Dieses umfasst u.a. die Förderung von Online-Etikette, kritischem Denken im digitalen Raum und dem Bewusstsein für die Auswirkungen digitaler Kommunikation auf das eigene Leben.
  • Förderung realer Begegnungen: Mehr persönliche Treffen, mehr Gemeinschaftsaktivitäten sowie das Erleben gemeinsamer Erfahrungen im realen Raum werden die Ausgewogenheit zwischen digitaler und direkter Interaktion fördern.
  • Technologische Innovationen: Die Entwicklung neuer Technologien, die eine tiefere und authentischere Interaktion ermöglichen, werden die Art und Weise, wie wir digital kommunizieren, weiter verbessern.

 

Die Zukunft der Kommunikation im digitalen Zeitalter wird somit ein Zusammenspiel von technologischer Entwicklung, gesellschaftlicher Anpassung und individuellem Bewusstsein für die Auswirkungen digitaler Medien sein. Erforderlich sind daher ein kontinuierliches Abwägen und Anpassen, um ein Gleichgewicht zwischen digitaler Vernetzung und persönlicher Nähe zu gewährleisten.
 

Ihre Ansprechpartnerin

Ayaan Güls
Pressesprecherin

Tel. 040/4151-2264
Fax 040/4151-2091
guels@stiftungfuerzukunftsfragen.de

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