Forschung aktuell, 317
7. Mai 2026

Kreuzfahrten gehören für viele Bundesbürger inzwischen zum festen Repertoire möglicher Urlaubsformen. Das zeigt die neueste Untersuchung der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen. In einer repräsentativen Befragung wurden über 3.000 Bürger ab 18 Jahren zu ihren Erfahrungen, Motiven und Zukunftserwartungen rund um Kreuzfahrturlaub befragt.
Kernergebnisse im Überblick
- 28 Prozent der Bundesbürger haben bereits mindestens einmal eine Kreuzfahrt unternommen – vor zehn Jahren lag dieser Wert noch bei 13 Prozent.
- 22 Prozent zeigen Interesse, erstmals eine Kreuzfahrt auszuprobieren.
- 85 Prozent der Gäste empfinden Kreuzfahrten als erholsam, 90 Prozent betonen die Möglichkeit, in kurzer Zeit mehrere Länder zu besuchen.
- 59 Prozent nennen Overtourism und überfüllte Städte als zentrale Herausforderung.
- 81 Prozent sehen eine wichtige Zukunftschance in Routen mit weniger bekannten Häfen – auch wenn dafür ikonische Highlights entfallen.
Boom mit stabiler Nachfragebasis
Die Kreuzfahrtbranche ist längst kein Nischenmarkt mehr, sondern ein über Jahre gewachsenes Erfolgsmodell. Das zeigt sich in steigenden Passagierzahlen und immer neuen Rekordwerten. Auffällig ist vor allem die hohe Wiederholungsrate: Wer einmal an Bord war, integriert diese Reiseform häufig dauerhaft in das eigene Urlaubsrepertoire.
Gleichzeitig bleibt die Zahl potenzieller Erstnutzer hoch. Fast ein Viertel der Bevölkerung kann sich aktuell eine erste Kreuzfahrt vorstellen. Dadurch entstehen zusätzliche Impulse für weiteres Nachfragewachstum. Die Kombination aus stabiler Stammkundschaft und neugierigen Interessierten bildet eine solide Grundlage für ein anhaltend hohes Buchungsniveau.
Warum Kreuzfahrten so attraktiv sind
Ein zentraler Grund für den Erfolg liegt in der besonderen Verbindung zentraler Urlaubsmotive. Kreuzfahrten ermöglichen Erholung und Erlebnis in kompakter Form. Die große Mehrheit erlebt die Reise als sehr erholsam – unter anderem aufgrund komfortabler Unterbringung, klar organisierter Abläufe und der Möglichkeit, sich ohne großen Planungsaufwand vom Alltag zu lösen. Ruhephasen, Serviceangebote und ein strukturierter Tagesablauf erleichtern vielen Gästen das Abschalten – ein zentrales Motiv jeder Urlaubsreise.
Gleichzeitig spielt der Erlebnisaspekt eine wichtige Rolle: Neun von zehn Befragten heben die Möglichkeit hervor in kurzer Zeit mehrere Länder besuchen zu können. Die Reise wird so als Abfolge unterschiedlicher Eindrücke wahrgenommen.
„Kreuzfahrten übernehmen eine Doppelfunktion und bieten eine seltene Kombination aus Bequemlichkeit und täglich wechselnden Einblicken in unterschiedliche Städte und Kulturen für erlebnissuchende Gäste. Dazu kommt ein hoher Grad an Sicherheit, der dieses Angebot gerade in bewegten Zeiten besonders attraktiv macht“, so der wissenschaftliche Leiter der Stiftung, Professor Dr. Ulrich Reinhardt.
Schattenseite: Overtourism in Hafenstädten
Trotz der hohen Zufriedenheit steht die Branche auch vor Herausforderungen. Drei von fünf Befragten sehen überfüllte Innenstädte beziehungsweise Overtourism als zentrales Problem im Zusammenhang mit Kreuzfahrten. Aus Sicht der Gäste entsteht in ohnehin stark frequentierten Orten eine zusätzliche Verdichtung. Das kann sich negativ auf das Wohlbefinden und die Aufenthaltsqualität auswirken.
Besonders deutlich wird dieses in beliebten Hafenstädten wie Barcelona, Venedig oder Dubrovnik. Dort ist der Andrang bereits hoch, und wenn mehrere Schiffe gleichzeitig anlegen, geraten Verkehrsströme, Infrastruktur und lokale Angebote zusätzlich unter Druck.
Neue Routen als Lösungsansatz
Viele Gäste sehen jedoch auch konkrete Lösungsansätze. Vier von fünf Befragten sind offen dafür, künftig stärker weniger bekannte Häfen anzusteuern – selbst wenn dafür bekannte Highlights entfallen. Für sie steht nicht das möglichst schnelle „Abhaken“ ikonischer Orte im Vordergrund, sondern die Qualität des Reiseerlebnisses. Aufenthaltsqualität und Entschleunigung gewinnen an Bedeutung.
Für die Reedereien ergibt sich daraus ein klarer strategischer Ansatz: Routen können gezielt entzerrt werden, indem kleinere Städte, alternative Regionen und bislang selten angelaufene Häfen stärker berücksichtigt werden. Solche Destinationen bieten häufig mehr Raum für Begegnungen, kürzere Wartezeiten und ein insgesamt entspannteres Reisetempo.
Zukunftsszenario: Kreuzfahrten im Gleichgewicht
Prof. Ulrich Reinhardt: „Überträgt man die aktuellen Einstellungen auf die kommenden Jahre, deutet einerseits vieles auf einen weiterhin anhaltenden Boom von Kreuzfahrten hin, anderseits wird aber auch die Forderung an die Reedereien deutlich sich Herausforderungen zu stellen und Lösungen zu finden.“
Routen, die mehr mittelgroße und kleinere Ziele einbeziehen, können Besucherströme besser verteilen und sowohl Gäste als auch Einheimische entlasten. Gleichzeitig erhalten neue Regionen Zugang zur touristischen Wertschöpfung, ohne sofort an Kapazitätsgrenzen zu stoßen.
„Für Reisende entsteht so ein Angebot, das Erholung, Erlebnis und Rücksicht auf lokale Strukturen miteinander verbindet. Komfort und Vielfalt bleiben erhalten, werden aber durch eine stärkere Orientierung an Aufenthaltsqualität ergänzt. Kreuzfahrten haben damit die Chance, sich von einem reinen Wachstumsmodell hin zu einer ausgewogeneren Form des Reisens zu entwickeln“, so Reinhardt.


