Forschung aktuell, 182, 25. Jg., 24.08.2004

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„Zeitwohlstand“: Der neue Luxus

    „Zeitwohlstand“: Der neue Luxus

    Deutschland, wann ist Feierabend? Der Traum vom „kollektiven Freizeitpark“ ist endgültig ausgeträumt. Und auch die vielfach prognostizierte „Freizeitgesellschaft“ muss auf den St. Nimmerleinstag verschoben werden. Denn die Arbeitsbelastung der Deutschen nimmt zu, das Geld wird knapp und Zeitnot kehrt in die privaten Haushalte ein. Jeder dritte Bundesbürger (34%) hat keine drei Stunden Freizeit zur Verfügung. Und für die Hälfte (50%) der Berufstätigen (Frauen: 55% - Männer: 46%) fängt der Feierabend frühestens gegen 19.00 Uhr an und ist keine drei Stunden später wieder zu Ende. Dies geht aus einer Repräsentativbefragung des B.A.T Freizeit-Forschungsinstituts hervor, in der 2.000 Personen ab 14 Jahren nach ihrem frei verfügbaren Zeitbudget je Werktag gefragt wurden.

    „Manche zeitaufwendigen Feierabendrituale müssen eingeschränkt werden. Die Freizeit wird knapp und nicht nur das Geld“, so Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, der Leiter des B.A.T Instituts. „Arbeitszeitverlängerungen ohne Lohnausgleich und der Trend zur 40-Stunden-Woche können folgenreich sein: Auf der einen Seite überwiegt die Freude über Beschäftigungs- und Standortgarantien, andererseits wird über Freizeitverluste und wachsende Zeitnot geklagt. Die Jobsicherung ist schließlich nicht umsonst zu haben: Sie kostet ein Stück Privatleben. Mit Freizeitmentalität allein lässt sich der wirtschaftliche Aufschwung nicht schaffen.“ Andererseits brauchen Arbeitgeber auch Freizeitkonsumenten, die genügend Zeit zum Einkaufen und Essengehen, für Kinobesuche und Wochenendfahrten haben. Konsumlust kann sich unter Zeitdruck kaum entwickeln. Die Verbraucher entwickeln sich zu Zeitsparern.

    Zeitwohlstand wird zum Luxus - vor allem für Selbstständige

    Fast die Hälfte der Arbeiter (45%), Angestellten und Beamten (je 49%) haben nach eigener Einschätzung keine drei Stunden freie Zeit pro Tag. Bei den Selbstständigen und Freiberuflern sind es hingegen fast zwei Drittel (64%), die mehr in die berufliche Arbeit eingespannt sind, als dass sie wirklich nach Feierabend in Ruhe entspannen können. Professor Opaschowski: „Wer heute die Selbstständigkeit im Beruf wählt, hat wenig Freizeit, kaum Urlaub und mitunter 70-Stunden-Wochen bis an die Grenze der Selbstausbeutung“. Die Wirklichkeit ist völlig anders als der Traum: Selbstständige haben weniger Zeitautonomie und tragen berufliche Probleme auch in die eigene Freizeit hinein. Der subjektive Eindruck entsteht: Für die Freizeit bleibt eigentlich keine Zeit.

    Unter den Berufstätigen nehmen lediglich die Auszubildenden im Hinblick auf die eigene Zeitfreiheit eine privilegierte Stellung ein. Die meisten Jugendlichen (54%) haben täglich sogar mehr als vier Stunden persönliche Freizeit zur Verfügung, „in der sie tun und lassen können, was ihnen Spaß und Freude macht.“ Lediglich die Ruheständler geben an, über noch mehr Zeit in Eigenregie (71%) zu verfügen. Professor Opaschowski: „Das 20. Jahrhundert ging als Jahrhundert der Freizeit in die Geschichte der modernen Arbeit ein. Im 21. Jahrhundert ist mehr Arbeitsproduktivität als Arbeitszeitverkürzung gefragt.“

    Insbesondere Berufstätige müssen zunehmend die Erfahrung machen: Mit dem Verlassen des Arbeitsplatzes hat für sie der Feierabend noch nicht begonnen. Übergangsaktivitäten wie Nachhauseweg, Besorgungen, Erledigungen und Einkäufe, Haushaltsarbeiten, Kinderbetreuung sowie soziale Verpflichtungen in Familie, Nachbarschaft und Gemeinde „kosten“ zunächst einmal Zeit und gehen der ganz persönlichen Freizeit verloren.

    Produktivität und Nützlichkeit:
    In der arbeitsfreien Zeit geht die Arbeit weiter

    Für die Zukunft zeichnet sich eine historisch neue Zeitbudget-Entwicklung ab: die Erfüllung obligatorischer Alltagsaufgaben kann mehr Zeit in Anspruch nehmen als die Erwerbstätigkeit. Die sogenannte Obligationszeit muss dann immer mehr mit Do-it-yourself und Selbermachen (statt bezahlter Handwerksarbeiten) sowie mit der systematischen Pflege von Kontakten und sozialen Beziehungen ausgefüllt werden. Opaschowski: „Von Zeitwohlstand haben die Menschen früher geträumt; mit Zeitnot wachsen sie jetzt auf.“ Was bisher nur für die Berufsarbeit galt, wird nun auch von der privaten Lebenszeit gefordert: Produktivität und Nützlichkeit. Und das heißt konkret: Familienfürsorge, Lebensstandardsicherung und Gesundheitserhaltung.

    Hinter der neuen Sehnsucht nach Zeitwohlstand verbirgt sich der alte Traum vom guten Leben – jenseits von Onlineshopping, Telebanking und Last-Minute-Reisen. Insbesondere Familie und Kindererziehung setzen dem persönlichen Freizeithunger enge Grenzen. Deshalb unterscheiden vor allem Frauen deutlich zwischen Familienfreizeit und „persönlicher Freizeit“, die sie für sich ganz allein haben wollen und nicht nur mit Partner und Kindern teilen müssen.

    Eine Langfassung zum Thema „Zeitwohlstand“ von Horst W. Opaschowski finden Sie in der Presselounge auf unserer Homepage (www.bat.de).

    Frühe Analysen und Prognosen des BAT Instituts

    „Spätestens im Jahre 2010 wird es ein Novum in der Zeitbudget-Entwicklung geben. Die Obligationszeit, die Zeit für alltägliche Verpflichtungen und Verbindlichkeiten, wird rapide zunehmen.“
    B.A.T Freizeit-Forschungsinstitut (Hrsg.): Wie leben wir nach dem Jahr 2000? Hamburg 1988

    „Die Freizeitgesellschaft’ ist eine Legende. Die Freizeitforscher haben die Freizeitgesellschaft’ nicht erfunden und auch nie so genannt und beschrieben. Ganz im Gegenteil: Die Freizeitgesellschaft wurde schon frühzeitig als Mär und Mythos entlarvt.“
    B.A.T Freizeit-Forschungsinstitut (Hrsg.): Herausforderung Freizeit, Hamburg 1990

    Weitere Ausführungen über die Lebenswelt im 21. Jahrhundert finden Sie in:

    DEUTSCHLAND 2020.
    Wie wir morgen leben - Prognosen der Wissenschaft
    Von Horst W. Opaschowski

    520 Seiten/90 Grafiken/Sachregister
    ISBN 3-8100-4168-8
    VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2004
    39,90 Euro